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Social Media: Marodierende Milizionäre?

08 Aug

Hatte auch so seine Argumentations-Probleme

“Der Webraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2012. Das sind die Abenteuer des Social Web. Viele Lichtjahre von der Vernunft entfernt dringt die Social Media in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat” – wie im Versuchslabor bewegen wir Millionen uns unter den Augen der interessierten (und manchmal auch der nicht interessierten) Öffentlichkeit in Facebook & Co.

Social Media wird für mich immer mehr zur Wissenschaft des Menschen und seiner Interaktion. Für alle Psychologen und Soziologen bieten die sozialen Plattformen Jagdgründe unendlicher Weiten. Da müsste doch eigentlich mehr als eine Masterarbeit rausspringen. Beim Versuch, die Mechanismen dieses Molochs zu ergründen, greifen wir natürlich auf die Erfahrungen zurück, die wir mit Menschen gemacht haben. Und wir erwarten natürlich, wie die Betriebswirtschaft das einst mit dem homo oeconomicus versuchte, die Beweggründe des homo sociologicus zu erkennen und vorauszusagen.

Globaler Klimawandel?

Beim Versuch erkennen wir immer wieder, “dass das alles schon mal da war” – nur dass es jetzt viel schneller und einfacher geht, Massen zu mobilisieren. Gerade tobt bei Galileo der nächste Schittsturm. Und immer noch denken wir, wir könnten mit Vernunft und Empathie die Aufgebrachten räsonieren. Ehrlich, für mich wirkt das so wie ein Gentleman mit hochgekrempelten Ärmeln, der versucht, eine mit Keulen bewaffnete Horde von Steinzeitmenschen von der Jagd nach Fleisch abzuhalten – nachdem diese eine Woche gehungert haben. Und den Gentleman machen wir in der öffentlichen Wahrnehmung dafür verantwortlich, dass nachher Blut fließt, weil er sein Gegenüber nicht mit gebotener Achtung behandelt hat*.  Natürlich macht der Ton die Musik, aber soll hier überhaupt eine Lösung gefunden werden?

Von Einsicht oder Belehrbarkeit, Diskussionskultur und konstruktivem Veränderungswillen ist an manchen Orten nicht viel zu verspüren. Mob statt Museion heißt die Maxime. Konstruktive Kritik bekommt 6 Likes, Rumgegröhle 60.000 (wollte einen Link setzen, aber die Beiträge sind – zumindest für mich – weg am 7.8., 15:50 Uhr). Und wer versucht, an die Vernunft zu appellieren, der wird abgebügelt mit einem “Und ich hab doch Recht!” – wenn überhaupt. Maschinen mögen zwar überzeugbar sein, wenn man ihnen oft genug dasselbe erzählt, aber ob das auch bei Menschen funktioniert?

typische Diskussion?

Homo sociologicus?

Um die Mechanismen des Molochs Social Web zu verstehen, müssten wir wissen, wie die Menschen sind. “Der” homo sociologicus existiert aber nicht. Ist er womöglich in manchem Fall ein homo erectus, der auf halber Strecke zum homo sapiens stehen geblieben ist, ein homo krawallicus? Wir aber denken, wir hätten es mit dem homo sapiens sapiens, der Krone der Schöpfung, zu tun. Wie gut können bei unseren diametralen Menschenbildern unsere Strategien im Social Web sein? Und wie wertvoll kann da generell ein Engagement im Social Web sein?

Es bleibt zu hoffen, dass Christian Henne und Kai Thrun mit ihren Hinweisen Recht behalten und ein Großteil der Schittstürme durch Manipulation oder vielleicht technische Probleme entstanden sind. Darüber habe ich ja schon letzte Woche fabuliert. Für das Arbeiten in der Social Media  wäre das jedoch – um es vorsichtig zu formulieren – herausfordernd.

Denn man hat nur die Wahl zwischen Pest und Cholera: Entweder sind die Menschen in der Mehrzahl auf Krawall gebürstet und vernünftigen Argumenten nicht zugänglich**. Oder – und das ist kaum verheißungsvoller: Facebook hat seine Plattform technisch nicht im Griff und sie ist technisch manipulierbar. Am Ende würde ich mir als Unternehmen überlegen, ob ich in eine Plattform, auf der ich nur verlieren kann, Energie und Geld hineinstecke.

Social Media war so eine schöne Idee und wir halten immer noch an ihr fest. Und sei es nur, um unseren Studienleitern von oben Futter für ihre akademischen Arbeiten zu verschaffen. Allerdings – ein Hoffnungsschimmer bleibt: Die Überalterung unserer Gesellschaft. Vielleicht werden wir ja alle im Alter ein bisschen wohlmeinender, weiser und beherrschen Rechtschreibung sowie Zeichensetzung besser ;-)

Ihr/ Euer

Martin/ Reti

*Interessant am 21. Jahrhundert ist, dass es für die wilde Horde nicht mal Fleisch gibt, wenn sie sich durchsetzt.

**und die Wohlmeinenden gehen schnell in Deckung, wenn der Tornado kommt (durchaus nachvollziehbar)

 
1 Kommentar

Geschrieben von - 8. August 2012 in Social Media

 

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Eine Antwort zu “Social Media: Marodierende Milizionäre?

  1. martinretiMartin

    10. August 2012 at 08:37

    Über die Trivialisierung der sozialen Medien bin ich gerade auf einen Artikel von Ed Wohlfahrt gestoßen, der ganz gut als Ergänzung passt: http://t3n.de/news/social-media-trivial-darfs-406605/

     

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