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Social Media: Sei nicht erhaben

21 Jan
English: A young White German Shepherd dog wit...

"Der will doch nur spielen" - dem glaub ich das auch ... Image via Wikipedia

„Soschl Midiaaa?“ entgegnet manch Gesprächspartner konsterniert, wenn ich ihm erkläre, dass ich mich mit Social Media beschäftige. Ja, ich lebe ländlich bis kleinstädtisch, fernab von den Social Media Metropolen. Wie einfach die Zugänge in ein Verständnis von Soschl Midiaaa aber auch hier sein können, ging mir neulich auf, als ich Zeitung las.

Hintergrund: Einige Tage zuvor war ein Jogger von einem Hundebesitzer niedergeschlagen worden (naja so in etwa), weil er diesen gebeten hatte, seinen Hund anzuleinen. Nun könnte man meinen, Volkes Meinung würde sich klar auf die Seite des Attackierten stellen. Aber wahrscheinlich war die Vielzahl der Interessierten mit dem Wurstkrieg auf der ING-DiBa-Seite beschäftigt. Denn ich musste stattdessen einige Tage später einen Leserbrief goutieren, in dem der Absender darauf hinwies, dass Jogger per se unfreundlich sind, weil sie nie grüßen, während die Hundebesitzer immer Zeit für einen freundlichen Gruß haben. Aha, dachte ich mir, das ist natürlich eine absolut hinreichende Legitimierung für einen tätlichen Angriff. Diese bösen, stinkenden Kohlendoxid erzeugenden Klimakiller! Recht so – er hat´s verdient!

Da ich nun selber in die Joggerfraktion gehöre, begann es in mir zu brodeln und … dann sagte ich mir, dass ich darüber erhaben bin, mich öffentlich mit einem solchen … (setzt hier ein, was Ihr wollt) Menschen auseinander zu setzen. Vielleicht war ich aber auch einfach zu faul, mich hinzusetzen und einen geharnischten Antwortbrief zu texten.

Darüber bin ich doch erhaben? Ach ja, Social Media … die Kurve … wie war das nochmal? Social Media bedeutet: Sei nicht erhaben! Äußere Deine Meinung, wenn Du denkst, dass sie richtig ist! Stell Dich der Diskussion! Besonders dann, wenn andere die Bühne besetzen und behaupten, ihre Postion sei die allein Seligmachende. Und dann ist da womöglich niemand, der ihnen widerspricht. Das Äußern der Meinung ist ein Ausdruck unserer Zeit und ein Vorzug unserer Gesellschaft, in der Leute selbst dann noch protestieren, wenn sogar eine Volksabstimmung ihnen bescheinigt, dass sie auf dem falschen Dampfer sind.;-)

Schade nur, dass Google plus, Facebook und Twitter nur diejenigen belohnen, die möglichst opportune Dinge tun: Likes,  +1er, Retweets – alles positive Meinungsäußerungen. Was ja prinzipiell auch eine schöne Wesensart ist, aber (konstruktive) Dispute werden von dem Maschinen nicht belohnt (naja, natürlich gelten auch die Kommentare was ;-)).

Dass die Realität immer zwei Seiten hat, ist eine Binsenweisheit. Dass die beiden (oder vielleicht sogar mehrere) Seiten immer wieder neu entdeckt und in gemeinsamen Diskussionen gegenübergestellt werden müssen, ist ein gutes Zeugnis von Meinungsfreiheit.  Und vielleicht dient das manchmal sogar dem Ziel, Dinge gemeinsam weiterzuentwickeln. Aber um die verschiedenen Seiten zu sehen, bedarf es der Besetzung der verschiedenen gegenüber stehenden Pole. Also bitte: Her mit dem Disput in einer Haltung der Konstruktivität und Toleranz! Dann macht Social Media Spaß.

Habe mich jetzt doch entschlossen, wenigstens online zurückzuschießen. Oder werde ich dadurch womöglich zur Speerspitze eines Läuferaufstands – und zur Zielscheibe eines Jogging-Dog-Shitstorms? 😉 Wir werden sehen … Man muss auch mal was aushalten können oder wie der Trainerphilosoph Dragoslav Stepanovic einst resümierte: “ Lebbe geht  weider“

Mit besten Grüßen
Euer
Martin Reti

p.s.: Der passende, versöhnliche Beitrag

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5 Kommentare

Verfasst von - 21. Januar 2012 in Social Media

 

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5 Antworten zu “Social Media: Sei nicht erhaben

  1. Uwe Hauck

    21. Januar 2012 at 22:27

    @beate, Zustimmung, allerdings denke ich, dass solche „Diskussionen“ wie im Fall des Ing Diba Spots eigentlich nur Selbstdarstellung der eigenen Meinung als ultima ratio sind und wirkliches damit Auseinandersetzen nicht gewollt wird. Das laeuft da eher nach dem Motto: Ich habe Recht, du bist dumm, wenn du etwas anders siehst. Die Strategie aber, solche Trolle, ob nun im realen Leben oder im Netz meist die einzige Chance ist, denn Kontakt mit anderen Meinungen wird da eh oft nicht gewünscht. Ich sage nur… Don’t feed the Trolls…
    @martin ja, social media lebt ganz besonders vom Mitmachen, aber gerade das spreche ich solchen Menschen an. Sie wollen nicht beitragen sondern ihre Meinung ohne Widerspruch als einzige Wahrheit in die Welt posaunen. Die grösste Strafe ist da Ignoranz.

     
    • martinreti

      22. Januar 2012 at 15:00

      Ja, Uwe – bin da bei Dir. Aber mein Votum geht dahin: Social Media funktioniert ohne MItmachen nicht. Und ich denke auch, es ist eine Kunst, Menschen in der rechten Weise zum Mitdiskutieren zu animieren – ohne nur die Claims abzustecken

       
  2. Beate Schmitz

    21. Januar 2012 at 18:12

    Hui da hast Du aber einige Fässer gleichzeitig aufgemacht.

    Also vielleicht zum Grundthema: Die Reaktionsmöglichkeiten auf Beiträge wie +1, Likes und Retweets werden aus meiner Sicht nicht ausschließlich positiv benutzt.

    Bei Likes mag das noch ungefähr so sein, aber auch da bemerke ich, dass ein Like manchmal schon eher ein „zur Kenntnis nehmen“ ist.

    Zum Thema Retweets: Denk nur mal an die vielen Retweets von Boris Becker-Tweets. In meiner Timeline war kein einziger positiv gemeint.

    Und jetzt zu Diskussionen: Klar führen Dispute zur Belohnung durch Maschinen. Facebook ist dafür doch das beste Beispiel: Je mehr Interaktion Beiträge und Seiten generieren, desto eher berücksichtigt sie auch der Algorhythmus von Facebook in der Anzeige von Timelines. Da wären wir dann wieder beim Wurstkrieg.

    Und jetzt noch etwas zum Thema Meinung äußern: Ich persönlich beobachte, dass Meinung äußern wieder angesagter ist, nicht nur weils mehr Möglichkeiten gibt. Sondern generell sind wohl alle anderen Möglichkeiten sich zu unterscheiden grade mal ausgeschöpft.

    Es ist irgendwie auch nicht mehr so verpönt dies möglichst schwarz oder weiß zu tun. Mich provoziert genau das oft. Manchmal nicht einmal der Inhalt – sondern nur die Form. Manchmal fällts mir schwer, aber ich halte es noch immer für eine gute Möglichkeit solche Rants einfach zu ignorieren.

    1. Kann man solche Diskussionen selten gewinnen, da dieser Mensch offensichtlich ganz anders denkt und wahrnimmt.

    2. Wünscht er sich ja offensichtlich, dass sich jemand mit seiner Meinung auseinandersetzt. Und den Gefallen tu ich solchen Leuten dann einfach mal nicht. Und das fühlt sich garnicht so schlecht an, auch wenns dann kaum einer erfährt 😉

    PS.: So schlimm find ich den Leserbrief vom knatterigen Herrn Brandt nun auch wieder nicht. Die schreibt der schon seit Jahrzehnten so. Nicht auszudenken was der Mann im Social Media Zeitalter anrichten könnte 😉

     
    • martinreti

      21. Januar 2012 at 18:37

      Hi Beate,

      vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich gebe Dir in allen Punkten recht. Aber es klingt doch eher zustimmend, wenn ich plusse oder like. Zur Kenntnis nehme ich durch eine unpersonale (und unerfasste) Page Impression 😉 Immerhin beim liken oder plussen outet man sich als Person und das ist immerhin schon mal eine positive Äußerung – ich könnte kaum nachvollziehen, dass jemand durch Liken sein Missvergnügen oder sein Missfallen ausdrückt. Das geht dann doch wohl eher über einen Kommentar. Und die Menge der Beiträge macht dann eine Maschinen-Belohnung – die sind aber per se nicht positiv, negativ oder konstruktiv.
      Mir kam es beim Beitrag im Wesentlichen darauf an aufzuzeigen, dass Social Media nur durch Mitmachen funktioniert. Dass SoMe von uns ein Mitmachen erwartet. Und dass die Haltung „Soll sich jemand anders darum kümmern“ nicht SoMe-adäquat ist. Und außerdem hat mich der Leserbrief des „knorrigen Herrn Brandt (und die für mich völlig unnachvollziehbare Haltung dahinter) wirklich aufgeregt. Und damit gebe ich Dir zum letzten Mal recht: Hoffenwir, dass manche Menschen niemals die Welt der Social Media entdecken 😉

      Beste Grüße
      Martin

       

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