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Social Media: Chronische Antisocialmeditis

09 Mrz

Das ging jetzt aber schnell mit der Chronik für Unternehmen, nicht wahr? Wenn ich mich recht zurückerinnere, hatten die Privatmenschen ein bisschen länger Zeit, sich mit dem Gedanken der neuen Darstellung anzufreunden oder sich drüber auszuheulen, dass alles schlechter wird oder ein paar Unwahrheiten zu kultivieren („Da wird mitprotokolliert, wenn Du einen Porno anschaust …“)

Unternehmen haben genau einen Monat Zeit. Dann wird zwangsumgestellt. Klar, dass Facebook im Zeitalter der Standardisierung nicht auf Dauer verschiedene Formate unterstützen will. Aber wo bei privaten Facebook-Profilen das Geschrei groß war, haben die Unternehmen wahrscheinlich schon lange auf die Möglichkeit gewartet, sich endlich ein bisschen spektakulärer darzustellen, wenngleich das für den einen oder anderen jetzt überraschend kommt („Wo nehmen wir denn jetzt ein Bild her?“) ;-). Optik zählt! Das Aufpimpen der Page sorgt definitiv für einen guten Wiedererkennungseffekt und eine sehr viel stärkere Emotionalisierung der Seite. Mal ganz abgesehen davon, dass niemand gezwungen ist, das selbe Bild über Jahre hinweg zu verwenden. Und auch diese Aussage gilt natürlich nur, sofern Facebook 2013 nicht nochmal was Neues einfällt oder schon Ende 2012 😉

Mal abgesehen von der Arbeit, ein oder mehrere spektakuläre Bilder auszusuchen, die womöglich die Unternehmenswerte widerspiegeln und den Besucher direkt zum Fan werden lassen ;-), sind die Unternehmensseiten die klaren Gewinner der Chronikumstellung: Der Adminbereich bringt mehr Übersicht, der Auftritt wird emotionaler und dann noch die Möglichkeit, die Unternehmensgeschichte nachzuerzählen wie die NZZ beispielsweise. Wow!  Eine gute Übersicht über die Möglichkeiten bietet übrigens Thorsten Ulmer in seinem Blog. Die Durchsicht ist genauso zu empfehlen, wie die der Don´ts bei Thomas Schwenke.

Natürlich ist Facebook als Anbieter eines so prominenten Dienstes aus dem Web jederzeit in der Not, immer wieder seine Innovationskraft zu beweisen, um nicht irgendwann als „oldfashioned“ zu gelten. Aber wer (außer Thomas Alva Edison vielleicht) kann schon alle sechs Monate eine neue bahnbrechende Idee haben? 😉 Angesichts eines Börsengangs muss Facebook beweisen, dass es in der Lage ist, Geld zu verdienen und Perspektiven aufzeigen, noch mehr Geld zu verdienen. Die Privatleute sind die Meute, die mit ihren Daten und Profilen bezahlen und das Geschäftsmodell am Laufen halten. Geld ist aber nur bei Unternehmen zu holen. In mir keimt der Verdacht, dass das der tiefere Sinn des ganzen Chronik-Manövers war.

Denn die Unternehmen sind diejenigen, die Facebook nicht mehr ignorieren konnten, weil die Plattform zu prominent wurde. Gleichzeitig aber beschlich sie wohl teilweise ein leichtes Unbehagen – nicht zu Unrecht, wie manches Fallbeispiel zeigt. Also rollt Herr Zuckerberg den roten Teppich aus: Er gibt den Unternehmen die Kontrolle zurück, indem er die Interaktionsmöglichkeiten der Nichtseitenbesitzer reduziert.

Nun stellt sich mir die Frage: Ist das dann noch Social Media? Wenn Fans über Direktnachrichten mit Unternehmen kommunizieren oder deren Posts in einem kleinen Kasten „Aktuelle Beiträge anderer Nutzer auf BERA GmbH Alle anzeigen“ untergebracht werden? Ich kann den Jubel nicht nachvollziehen, dass jetzt „echter Kundenservice“ möglich ist. Wollen wir mit der Rolle rückwärts bezeugen, dass die E-Mail gar nicht so schlecht war? Das war sie natürlich wirklich nicht 😉

Ich finde die Chronik klasse. Aber lassen wir uns nicht von der Optik einlullen. Für mich markiert die Chronik eine Abkehr vom Social Media Gedanken des offenen Teilens. Facebook hat die „Business-Notwendigkeiten“ erkannt und schenkt Unternehmen jetzt eine bessere Homepage im Facebook-Universum. Das wird sicher attraktiv sein, um Unternehmen, die bislang skeptisch waren, in die Facebook-Welt zu bekommen. Ob die Unternehmen damit unter dem Strich wirklich gewinnen, wird sich erweisen müssen. Möglicherweise bricht der Shitstorm dann eben nicht auf der eigenen Seite, sondern auf anderen Seiten los. Die Welt ist groß 😉 Wer spotten oder sich aufregen will, findet ein Plätzchen. Wenn man nicht im Haus seines Opfers dem Unmut Luft machen kann, dann eben auf der Straße davor oder um die Ecke.

Andererseits – wie viel kann man heute noch wirklich kontrollieren? Mitgestalten heißt die Parole. Und Flagge zeigen. Social Media hin oder her 😉

Mit besten Grüßen in ein möglicherweise „anachronisches“ Wochenende

Ihr/Euer
Martin/Reti

p.s.: Das BERA-Wochenrätsel sucht auch noch ein paar kompetente Mitrater. Hier geht´s hin http://www.slideshare.net/BERA_GmbH/raetsel8-bera

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 9. März 2012 in Social Media

 

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Eine Antwort zu “Social Media: Chronische Antisocialmeditis

  1. martinreti

    16. März 2012 at 20:18

    Interessant in diesem Zusammenhang das Zitat, das ich bei Allfacebook.de fand:

    Massive und starke Kritik an der Timeline wie sie von privaten Nutzern aufkam hörten wir von Unternehmen bisher nur selten.

    “[Timeline] wasn’t ever meant to be just about people, just for humans,” Facebook Timeline product manager Sam Lessin said last week when showing off the design to reporters. “It’s a phase shift for the company overall and how we think about identity …

    … We always start with people. We’re Facebook, that’s kind of what we do … and then we do it for other types of organizations that also have a story and want to be able to tell it.” (Quelle VentureBeat)

    Ich würde das zwar nicht als klaren Beweis, aber als Indiz für meine Vermutung werten 😉

     

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