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Social Media: Das Zeitalter der Manipulation

20 Apr
Deutsch: Gedenktafel, Peter der Große, Coswige...

Upps, Ausbildungsstätte im "Aufs-Maul-schauen"? (Photo credit: Wikipedia)

Es war einmal ein König. Der hatte ein großes Volk. Und der hatte teure Berater. Aber weil er ein weiser und gerechter König war, interessierte ihn, was sein Volk so dachte, und nicht nur, was seine Berater ihm rieten. Denn die wohnten schon lange – genau wie er – im Schloss und hatten schon lange nicht mehr mit dem Volk gesprochen.Da beschloss der König sein Volk zu fragen. Was Sie von ihm hielten, wie wohl sie sich im Lande fühlten, was sie gerne ändern würden, worunter sie wohl litten. Er richtete sich einen Facebook-Account ein, stellte seinem Volk die Fragen und bekam großartige Antworten, die das Land in eine glorreiche Zukunft führten, für mehr Wohlstand und Glück sorgten.

Kommt Ihnen – bis auf den Facebook-Account – bekannt vor? Wenn ja, dann haben Sie wahrscheinlich mit Spannung den Dialog über Deutschland verfolgt. Ich gebe es zu: Der König, Verzeihung: die Kanzlerin,  hat mich nicht erreicht. Ich habe schlicht und einfach erst nach vollbrachtem „Dialog“ davon erfahren.

Grandiose Idee

Um es vorweg zu nehmen: Ich hielt und halte es für das eine großartige Idee, dem Lutherschen Prinzip entsprechend dem Volk aufs Maul zu schauen. Doch während in den Märchen der König immer die richtigen, braven, weisen und armen Bürger trifft, trifft er heute auf eine amorphe Masse von Menschen ohne Gesicht, ja teils ohne Namen. Weit über eine Million Teilnehmer – man sollte annehmen, dass das eine gute Stichprobe ergibt mit guten Ergebnissen aus der kollektiven Schwarmintelligenz.

Und nun sehen wir die drängendsten Themen, denen sich unser Land stellen muss: den Völkermord an den Armeniern (ich muss erstmal nachschauen, wo das genau liegt und was da passiert ist), die Legalisierung von Cannabis (ja, auch ich stehe auf Karibik easy living) und die Abschaffung der GEZ (ok, wenn das was würde – das gäbe ein Like it;-))

Wenn das die drängendsten Zukunftsthemen für unser Land sind, dann muss ich mich ernsthaft fragen: Was wurde aus dem Land der Dichter und Denker? Entweder sind die mittlerweile alle unter der Erde oder aber Sie haben keinen Internetzugang. Oder aber Sie haben zuviel Social Media genutzt.

Social Media – wie im Vogelnest

Ich gewinne den Eindruck, dass es zugeht, wie im Vogelnest: Wer am lautesten schreit, bekommt am meisten Futter und wird am stärksten. Wir schulden dies dem Umstand, dass wir nicht mehr mit papiernen Bögen durch die Haushalte marschieren und das Volk und seine Lebensumstände persönlich zählen, sondern bequem und elegant auf das Web zurückgreifen.

Mit allen damit verbundenen Möglichkeiten zur Manipulation. Und allen damit verbundenen Möglichkeiten zur Mobilisierung von Interessengruppen. Und mit allen damit verbundenen Möglichkeiten zum Quatsch machen. Das Gute im Menschen?Ja, wo ist es hin? Social Media funktioniert tatsächlich nur, wenn alle mitmachen. Wenn alle (ich sagen mal ihn Ermangelung besserer Worte) vernünftig mitmachen. Und nicht versuchen zu beschummeln. Und auch kompromissbereit sind. Und nicht so sehr an sich selbst denken (oder wenn alle an sich selbst denken – das würde wahrscheinlich auch funktionieren – aber das müssten dann ALLE sein ;-))

Immer das beste Ergebnis aus der Crowd?

Wir lernen, dass große Zahlen nicht immer die größte Qualität bringen: Das erzielte Social Media-Ergebnis ist doch nicht das Beste (sag ich einfach mal ;-)). Und Social Media wird vielleicht ein Feld der Chaosforschung.

Wenn die Experten jetzt anfangen, Vorschläge zu sichten und dann eine endgültige Liste vorlegen, dann erinnert das Vorgehen, so richtig es ist, an die berühmte Pril-Jury. Damit ist ein Misserfolg des Dialogs (leider) schon vorprogrammiert: Wenn die von der „unbestechlichen Mehrheit der Teilnehmenden und damit aller Deutschen“ ausgesuchten Themen nicht auftauchen, werden alle rufen: „Ihr nehmt uns nicht ernst. Alles Schmuh!“, wenn sie auftauchen, werde zumindest ich mich fragen: Deutschland, was ist aus Dir geworden? Ok, das könnte dieses Land verkraften 😉 Wahrscheinlich könnte kein Salomo diesen Spagat schaffen.

Vielleicht sollten sich unsere Politiker wieder inkognito unters Volk mischen wie Peter, der Große, um dem Volk aufs Maul zu schauen. Wahrscheinlich käme dabei mehr raus als beim Einsatz moderner Medien. Schade.

Mit besten Grüßen an die Experten
Martin /Reti

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4 Kommentare

Verfasst von - 20. April 2012 in Social Media

 

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4 Antworten zu “Social Media: Das Zeitalter der Manipulation

  1. Christian Lutzke

    25. April 2012 at 09:34

    Wobei ich der Legalisierung der Drogen sogar was abgewinnen kann – aller Drogen. Diese können dann ja über die Apotheken und nach Arztbesuch verkauft werden, dann haben die raffgieren Apotheker auch wieder mehr Gewinn in der Tasche und brauchen nicht gegen Ärzte Sturm laufen, die ungenutzen Medikamente kostenlos an Bedürftige abgeben wollen. Hizu kommt, dass Abhängige privat abzurechnen sind und damit lieber gesehen sind als Kassenpatienten – die Ärzte brauchten auch nicht mehr jammern über ihr Leben am Existenzminimum. Alleine mit den legalen Drogen hast Du viele Interessensgruppen befriedigt und die Drogen- und Beschaffungs-Kriminalität in die Schranken gewiesen – ähnlich wie seinerzeit beim Aufheben des Verbots von Exibitionismus in Amerika, ach nee, nackt Duschen ist ja immer noch verboten. Prohibition meinte ich 🙂

     
    • martinreti

      25. April 2012 at 14:40

      Aha, Du bist also der Ansicht, dass das Volk der Kanzlerin einen wichtigen und richtigen Vorschlag gemacht hat 😉 Aber das neue Geschäftsmodell hat schon was für sich – das muss ich zugeben 😉

       
  2. Andrea

    21. April 2012 at 09:46

    Die Kommunikation über Social Media ist relativ neu und die Generationen 30Plus kommen erst nach und nach dazu. Aber sie ist nicht aufzuhalten und wie das „echte“ Leben dynamisch und komplex. So wie der König auf seinem Stadtspaziergang an verschiedenen Orten unterschiedliche Dinge erfährt, ist es im Netz. Ich lese z.B. Kommentare auf Tagesspiegel Postings in Facebook und google. Die unterscheiden sich nach Social Medium wie Zehlendorf und Kreuzberg in Berlin.

     
    • martinreti

      21. April 2012 at 11:52

      Definitiv das richtige Vorgehen. Aber es wird natürlich immer schwieriger die verschiedenen Quellen zu überblicken 😉
      Gruß nach Berlin

       

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