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Social Media: Der Tod des Links?

22 Jun

Seit dieser Woche kennen wir wieder ein schönes neues deutsches Wort: Leistungsschutzrecht. „Gonggg!“ – Ring frei für die nächste Runde: Digitals vs. Tradition …

Das Justizministerium will den Verlagen helfen, ihre Erzeugnisse im Web-Zeitalter zu schützen und hat daher das Leistungsschutzrecht formuliert, dessen zentrale Aussagen, man gar nicht oft genug wiederholen kann. Also bitte auswendig lernen:
Mit dem Leistungsschutzrecht für Presseverlage wird den Presseverlagen das ausschließliche Recht eingeräumt, Presseerzeugnisse zu gewerblichen Zwecken im Internet öffentlich zugänglich zu machen. Presseverlage können somit auch die Unterlassung unerlaubter Nutzungen verlangen und gewerbliche Nutzer müssen für die Nutzung Lizenzen erwerben. Dies gilt nicht für die reine Verlinkung und Nutzungen im Rahmen der Zitierfreiheit.

Aufmarsch der Schlachtreihen – Beleidigung des Feindes

Natürlich ist das nur die Auftaktsalve eines weiteren Scharmützels zwischen der digitalen Kultur und tradierten (Print-)Geschäftsmodellen. Und ebenso natürlich schreit die digitale Fraktion reflexartig auf. Ich fühle mich an das Gebaren auf Fußballplätzen erinnert: „SCHIRIIIII! WAS PFEIFST DU DA! DU BLINDER!!!“ Denn wo kein Gesetz, da herrscht Freiheit, wo kein Kläger, da kein Richter. Die Freiheit (des Netzes) sei also bedroht und das sei ja wohl wieder ein Ansatz, das Rad der Zeit zurückzudrehen. Und als Gesprächsgrundlage poppen die Infografiken auf, die uns zeigen, wie viele digitale Jobs entstanden sind, wie viele Zillionen Euro und Dollar durch das Netz bewegt werden – und dass ohne völlige Freiheit im Netz unsere Zivilisation den Bach runtergeht.

Der Tod des Links?

Was richtig ist: Der Tod des Links ist der der Tod des Web. Ich bin sicher, dass Timothy Berners-Lee das genauso sähe. Der Nutzen einer Informationsaggregation und der Herstellung von Bezügen ist schließlich der zentrale Charme des Netzes. Ich kann allerdings den Aufschrei nicht ganz verstehen – aber ich bin kein Experte. Denn der Entwurf sagt für mein Verständnis ziemlich klar:
Der Informationsfluss im Internet wird durch die vorgeschlagene Regelung nicht beeinträchtigt. Schon im Jahre 2003 hat der Bundesgerichtshof entschieden, dass eine bloße Verlinkung keine Verletzung des Urheberrechts ist. Dies soll auch hinsichtlich der Verletzung des neuen Leistungsschutzrechts für Presseverlage gelten. Das neue Schutzrecht ermöglicht es also nicht, eine Verlinkung zu verbieten. Für das Leistungsschutzrecht für Presseverleger sollen ferner auch die Schranken des Urheberrechts gelten, also vor allem auch die Zitierfreiheit.“

Also Kopieren nein, Verlinken und Zitieren ja? Das klingt doch gar nicht so furchtbar. Die Diskussion entzündet sich daher allein an der Formulierung „gewerbsmäßige Nutzung“. Der gewerbliche Nutzer ist ein Dieb, wenn er nicht für die Nutzung bezahlt.
… Er ist derjenige, der die wirtschaftlich-organisatorische und technische Leistung erbringt, die für die Publikation eines Presseerzeugnisses erforderlich ist, und er ist es auch, der durch die gerade in der digitalen Welt leicht mögliche gewerbliche Online-Nutzung des Presseerzeugnisses durch Dritte geschädigt wird.

Wo ist der Schaden?

Nun kann man natürlich trefflich darüber streiten, ob ein Verlag durch die Weiterverbreitung seiner Artikel geschädigt wird, nachdem doch Reichweite eines der großen Zieleseiner Geschäftstätigkeit ist. Nicht umsonst rühmen sie sich gegenüber ihren Anzeigenkunden allenthalben mit den entsprechenden Zahlen. Aber ich würde doch gerne wissen, wann ich ein gewerbsmäßiger Verbreiter bin oder ein privater. Diese Unterscheidung wird nicht nur im Berufsleben immer schwerer. Und für den Gesetzgeber oder die Juristen, die Recht sprechen sollen, wird das keineswegs einfacher. Also bitte her mit einer Antwort, die auch Normalbürger verstehen.

Auf der sicheren Seite steht nur der, der eigene Inhalte erzeugt. Und das bedeutet, dass das Leistungsschutzrecht auch eine Aufforderung an „Gewerbliche“ (ehrlich gesagt: ich finde, das klingt ein bisschen abwertend ;-)) ist, sich aktiv am Web zu beteiligen und nicht nur zu konsumieren. Und das wäre doch kein so schlechtes Ergebnis 😉

Kampf der Titanen

Presse-Neptun hat also sein LSR-Ungeheuer ausgesandt, um die schöne Andromeda zu fressen. Perseus besteigt das Pegasus und zieht in den Kampf. Doch wer ist Perseus? Ist er die viel beschworene Netzgemeinde oder womöglich die Vertreter des digitalen Schicksals im Hintergrund – die Verlage sollten nicht vergessen, dass sie nicht unwesentlich auch von dem zehren, was das Internet hervorgebracht hat. Der Ruhm und das Image aus vergangenen Zeiten hineinzuretten in eine neue Ära, wird nur gelingen, wenn man sich arrangiert. Bei Google in Ungnade zu fallen, könnte dramatische Konsequenzen haben. Denn eine Präsenz im Web ist eben nur so gut wie ihre Reichweite. Schon mancher hat den Ast abgesägt, auf dem er saß.

Schönes Wochenende – ich schätze, in ein paar Monaten wissen wir, wo wir dran sind – vielleicht. Und dann machen wir uns Gedanken darüber, wie man die Einhaltung des schönen neuen deutschen Wortes Leistungsschutzrecht kontrollieren kann. Die Polizei wird´s kaum hinbringen …

Ihr/ Euer Martin/ Reti

p.s.: ich glaube, ich schaue mir heute Abend „Kampf der Titanen“ an 😉

p.p.s: LSR klingt für meien Ohren ein bisschen nach LSD … Ich hoffe, dass alle Beteiligten einen klaren Kopf behalten

 
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Verfasst von - 22. Juni 2012 in Social Media

 

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