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Social Media: Rette mich!

24 Jul

Modersohn-Becker - Alte Frau mit Taschentuch

„Sie war immer freundlich zu den Kindern und gutmütig an Halloween, wenn die Kinder für der Tür standen, sie versorgte die Katze  während unseres Urlaubs – aber sie ist halt nicht im Web.“ Ob die saarländische oder sachsen-anhaltinische Oma jemals erfahren wird, woher der Argwohn kommt, woher die kritischen Blicke der Nachbarn kommen?

Woche der Psychopathen

Hat irgendein Ministerium oder ein Institut die Woche der Psychopathie in den sozialen Medien ausgerufen? Der vielfach getwitterte Artikel des Tagesspiegel klärt uns darüber auf, dass der Batman-Attentäter von Denver kein Facebook-Profil hatte und auch ansonsten im Netz wenig Spuren hinterlassen hat. Und: Ja, auch bei Herrn Breivik war das der Fall. Aber hoppla, oder besser rakatakataka – da haben wir´s: Wer nicht auf Facebook ist, der ist ein Psychopath – ach, die Welt kann so einfach sein. Doch die starke Faktenbasis von zwei Fällen überzeugt.

Eine logische Weiterentwicklung dieses Gedankens führt uns zu 58 Millionen deutschen Psychopathen – das sind nämlich die Menschen, die kein Facebook-Profil haben.Mindestens, denn ein paar Fake-Profile muss ich ja auch noch reinrechnen. Wenn ich also über die Straße gehe, werde ich mich in Zukunft genau umschauen: Sieben von zehn Menschen in den Fußgängerzonen haben es auf mich abgesehen …

Liegt die Rettung beim W-LAN?

„W-LAN ist Bodde“ – die Kinder (auch so kleine Psychopathen ohne Facebook-Profil)  formulieren meinen Überlebensrat: Ich werde mich in Zukunft bevorzugt an Orten aufhalten, an denen es fette Funknetze gibt und wo Menschen mit Smartphones und ähnlichem Equipment unterwegs sind, um meine Lebenserwartung zu erhöhen. Die Umgebung von Surfern und elektromagnetischer Strahlung wird wie ein Jungbrunnen wirken. Wenn ich mich hinreichen sicher fühle, springe ich schnell zum nächsten Hot Spot in Sicherheit …

Natürlich gibt es in Deutschland keine 70 Prozent potenziellen Massenmörder – es gibt ja zum Glück auch Menschen, die ihre Spuren im Internet ganz regulär – ohne soziale Netzwerke – zurücklassen. Ich erkläre also für das Heil meines eigenen Geisteszustandes (Verhinderung von Verfolgungswahn) alle deutschen Internetnutzer für geistig gesund – und drehe das Verhältnis mit diesem Kunstgriff direkt rum. Bleiben nur noch drei von zehn bösen Buben und Mädchen. 17 Millionen Menschen, die mir nach dem Leben trachten. Mehr als reichlich. Auch Oma Erna aus Püttlingen oder Tante Wilhelmine aus Braunsbedra.

USP für Social Media

Die Schlussfolgerungen des Artikels schreien geradezu nach einer großen Werbekampagne, in der sich die sozialen Medien und Plattformen zusammen als Überlebensbringer positionieren. Ich schlage Etiketten wie auf den Zigarettenschachteln vor: „Bleiben Sie gesund, nutzen Sie Twitter“, „Soziale Medien erhöhen Ihre Überlebenschancen – bringen Sie Ihre Freunde mit“, „Tumbler sind bessere Menschen“, „Reduzieren Sie die Angst ihrer Mitbürger, werden Sie Pinteresto“ etc. Aber Vorsicht: Zu Risiken und Nebenwirkungen befragen Sie ihren Social Media Manager oder den Soziologen ihres Vertrauens …

Pech gehabt – Sie sind auch unter uns

Schade, dass eine andere Studie uns auch dieser Illusion beraubt. Nicht alle Social Media Nutzer sind immun: In den USA untersuchten Forscher 3 Millionen Tweets von knapp 3000 Twitteristi und kamen zu dem Schluss, dass man aus den Satzschnipseln auf die Persönlichkeit schließen kann. Social Media Äußerungen werden damit zum Indikator für den „dunklen Dreiklang“ (dark triad): Psychopathie, Narzissmus und Machiavellismus. Aus der Profilinformation, der Menge gesendeter, beantworteter und retweeteter Nachrichten sowie dem Kloutscore gewannen sie einen „Psychopathie Score“. Demnach waren 41 von 2927 Untersuchten definitiv Psychopathen: 1,4%. Die müssen wir den Nicht-Webnutzern auf jeden Fall noch zuschlagen.

Man kann´s drehen und wenden, wie man will: Sie sind unter uns! Und nicht mal Social Media kann uns retten. Ich werde mal meine Kollegin, die @Kerstin__h, genauer unter die Lupe nehmen müssen. Dann kommt das Nachbarbüro dran … Und dann fällt mir ein, dass ich noch ein paar Facebook-Freunde mit auffälligen Namen unter die Lupe nehmen wollte.

Wer sicher gehen will, umgibt sich sicherheitshalber mit zertifizierten falschen Freunden aus günstig zu erstehenden Fake-Profilen. Ist zwar ein bisschen schwierig, mit denen eine sinnvolle Beziehung zu pflegen, aber dafür schießen die mich auch nicht über den Haufen und haben nette Namen. Wäre eine Idee für ein Geschäftsmodell.

Aber möglicherweise werden die Daten einfach überbewertet. Huch, hat da das Mädel vor dem Fenster mich gerade komisch angeschaut …?

Beste Grüße

Ihr/Euer Martin/ Reti

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Verfasst von - 24. Juli 2012 in Social Media

 

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