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Social Media: Anticlaquere

02 Aug
Opera Galla

Bitte rechtzeitig klatschen, sonst wird die Dame böse (Photo credit: Niels Linneberg)

Ich gehe nicht gern in die Oper oder klassische Konzerte. Nicht, weil ich mit der Musik nichts anfangen kann (ok, das spielt vielleicht auch eine Rolle). Nein, der Grund ist viel trivialer: Ich klatsche wegen meiner mangelnden musikalischen Fähigkeiten und Kenntnisse immer an der falschen Stelle und fange mir dann böse Blicke der gut angezogenen Damen und Herren in der Nähe ein. Einmal wurde ich auch schon von den Musikanten gerügt ;-). Nicht gerade der richtige Weg, ein blendendes Image in der Öffentlichkeit zu erzielen.

Aber andererseits braucht ja jede Veranstaltung – und sei sie noch so langweilig – einen, der mit dem Klatschen vorangeht. Der Claquer als solcher ist ja ein Freund,  ein freundlich Gesonnener, ein Gedungener („Machen Sie dann mal den Anfang“) oder aber einer, der zumindest dankbar ist, den Vortrag oder die Darbietung hinter sich zu haben. Und nun das Büffet stürmen zu dürfen …

Also auf gut socialmedianisch die magische 3F-Kombo: Fans, Follower und Freunde. Wer klatschen kann, der kann auch liken. Wer mit mir ein Faß oder ein Fläschchen Wein teilt, der teilt auch virtuelle Inhalte – wenn er die Möglichkeit dazu hat, also auf denselben Plattformen unterwegs ist. Man könnte versucht sein, eine Vermutung anzustellen, warum gerade Köln eine Hochburg der Social Media ist. Ist das Netzwerk nicht die konsequente Weiterentwicklung des Klüngel? 😉 „Vernetze Dich wie im wahren Leben“, titelt ja G+ gern.

Wir sind alle Freunde

So weit die schöne Welt der Freunde, die uns Facebook und Co versprechen. Dabei sollte doch bekannt sein, dass man eben nicht „everybody´s darling“ sein kann. Zumindest bekommt man dann keine eigenen Konturen, für die (echte) Freunde auch mal in die Bresche springen. Es gibt genügend Leute, die uns nicht mögen. Und dann endet die Party halt manchmal ziemlich abrupt.

So wie bei Vodafone, H&M oder Zalando gerade. Die Gründe für den Partystress sind vielfältig – durchaus auch hausgemacht (bspw. wegen schlechter Prozesse), manchmal ist es einfach Faulheit oder die wenig ausgeprägte Veränderungsbereitschaft. Ausgelöst von den klassischen Medien oder eben vervielfältigt durch sie. Aber knapp 72.000 Likes und 7.200 Kommentare für eine Beschwerde – das haut doch irgendwie schon rein.

Künstlich angeheizt?

Natürlich könnte so ein Sturm der Entrüstung auch künstlich entfesselt sein – ein perfektes Einsatzszenario für den künstlichen Charakter. Und da bekommen doch die 5-6 Prozent Fakeprofile tatsächlich eine weitere Existenzberechtigung. Sie könnten günstig als Anticlaquere, als Miesmacher und Buhrufer eingesetzt werden. Vielleicht findet ja einer von uns Lebendigen tatsächlich mal sein Foto unter einer solchen Aktion und heißt dann plötzlich „Martin Buh“ oder „Ich sch.. auf XY“ oder einfach „der Unzufriedene“, „der Bruddler“ oder eben Herr/Frau „Exakt Hinschauer“.

Wer also rufschädigend aktiv werden will, der sollte sich schnell mal eine kleine virtuelle Armee von Nichtsnutzen zusammenkaufen und seine Horde entfesseln – gegen Mensch und Unternehmen. Vielleicht mündet das Ganze ja dann sogar in Schutzgeldzahlungen: „Wenn  Sie uns ein paar Facebook Credits überweisen, dann werden wir um ihre Fanpage in Zukunft einen großen Bogen machen oder gegebenenfalls sogar ihre Konkurrenz behelligen. Wäre das nichts?“

Dass die Rabauken sich auch als (nichtssagende) Fan Community profilieren können, haben sie ja schon bewiesen. Vielleicht könnten Sie ja auch als virtuelle Defensivkräfte fungieren – sozusagen als Hausarmee. Dann müsste aber jemand denen noch ein bisschen Hirn einprogrammieren.

Mit besten Vor-Wochenendgrüßen
Ihr/ Euer Martin/ Reti

p.s.: Mittlerweile sind wir bei 80.000 „Unlikes“ – komme mit dem Zählen nicht mehr mit

 
3 Kommentare

Verfasst von - 2. August 2012 in Social Media

 

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3 Antworten zu “Social Media: Anticlaquere

  1. Christian Lutzke

    3. August 2012 at 11:10

    Moin moin in den Süden^^,
    ich stelle mir den oder die (vorausgesetzt, es ist wirklich ein Fake-Beitrag) gerade vor, wie der/die gerade dasitzt und sich über die riesige Resonanz bis in die *bürgerliche* Presse (war das schon im Fernseeehn? :)) schlapplacht und sich über die ganzen Möchtegern- und echten Experten lustig macht. Und ja, ich gehöre ja auch dazu, denn auch ich geben zu diesem Fall meinen Senf dazu^^

    Ciao
    Christian

     
  2. Christian Lutzke

    2. August 2012 at 10:43

    Interessante Geschichte mit Vodafone … interessant auch der Aspekt, dass das Ganze gefaket sein könnte … und alle Liker hängen sich daran, als wenn es kein Morgen gibt.

    Ich erinnere mich dabei an einen Fall kürzlich in Emden. Ein wütender Mob einen wollte einen 17jährigen Kinderschänder lynchen. Der arme Kerl war unschuldig! Eine Aufforderung zur Straftat kann aber bis zu fünf Jahre ‚hinter Gitter‘ bedeuten. Ich finde, der ca. 50-Köpfige Mob sollte auch nicht so einfach davon kommen. Hier wird ohne Beweise draufgehauen, mitdiskutiert und verurteilt. Das kennen wir, oder?! Richtig, aus dem Mittelalter!

    Sind diese Shitstorms etwas anderes? Etwas Edles? Etwas Heorisches? Oder doch einfach nur ein unwissender Mob, der jede Gelegenheit und immer wieder neue Opfer sucht, um diese verbal oder manchmal auch real zu lynchen?

    Ist es vielleicht nur ein erweiterter Stammstisch im Netz? Alle sind Experten, jeder redet mit, jeder glaubt unbewiesenen Gesagtem, aber keiner hat wirklich Ahnung oder kennt Hintergründe. Ist es nicht so bei den meisten Shitstorms? Und wenn man den ‚Kollegen‘ an der Trinkhalle zuhört, finden sich erstaunliche Ähnlichkeiten, auch diese wissen alles besser; wie man ein Land führt zum Beispiel, wie man eine Fussballmannschaft trainiert oder wie man mit Verbrechern umgehen sollte (Beweise sind vernachlässigbar, die in der Trinkhalle ausliegende Bild wird’s schon wissen) … 🙂

     
    • martinreti

      2. August 2012 at 12:49

      Hi Christian,
      Deine weiterführenden Gedanken sind genau richtig. Ich glaube, wir alle fühlen uns ein bisschen wie Experten, dabei sind wir nur Stammtischler. Ich denke, das Bild vom Stammtisch passt ganz gut. Aber auch dort tauchen manchmal die Leute auf, von denen man sagt: Wow, der hat´s drauf!
      Es sind die Plattformen, die uns die Chance geben, unseren Stammtisch überall dabei zu haben. Aber dann setzen sich auch Leute (oder Nicht-leute) mit an den Tisch und versuchen, die Stimmung zu beeinflussen. Vielleicht hat das ganze Social Media aber auch viel mit Chaostheorie zu tun und dem Zusammentreffen von Rahmenbedingungen, die sich zu einem Tsunami auswachsen …

      Grüße in den Norden 😉
      Martin

       

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