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Social Media: Wanted Dead or Alive

04 Okt

Gute Nachrichten sind Social Media konform – beispielsweise wenn jemand eben nicht tot ist oder dem Tod ein Schnippchen schlägt.
(Bild: Dieter Schütz/pixelio.de)

Ich weiß ehrlich nicht, ob ich mich an das Thema heranwagen soll. Nicht weil schon so viele darüber geschrieben haben (und gerade las ich Kai Thruns Beitrag), sondern weil ich einfach ein bisschen zu leichtfertig bin, um über das Thema Tod zu reden. Ich möchte aber nicht pietätlos erscheinen. Schwierig, aber ich versuche es trotzdem.

Ich kann´s ja verraten: Ich mag den Tod nicht. Und ich mag auch gar nicht gerne darüber reden. Lieber schon über das, was danach kommt. Aber bei unseren Tageszeitungen ist das Thema Tod natürlich ein alltime favorite. Die monetarisieren ja quasi den Tod Prominenter (genauso wie deren Leben). Es ist integraler Bestandteil des Geschäftsmodells, denn wie wir alle wissen: „bad news is good news“.

Das Ableben der Promis

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass meine Mutter mir bei jedem deutschen und Hollywood-Streifen darlegte, welcher der Darsteller schon das Zeitliche gesegnet hatte – beginnend bei John Wayne über Willy Fritsch bis zu Paul Henckels. Nur Marika Rökk war absolut unverwüstlich („Die lebt noch. Die hat Paprika im Hintern“). Und nun ist Dirk Bach der „Prominente“* der Stunde.

Über Tote nichts Schlechtes. Ich werde mich daran halten. Es dreht sich ja auch weniger um die Personalie Bach als mehr darum, wie mit seinem Tod umgegangen wird. Es ist ja schon befremdlich, wenn man „Dirk Bach tot – I like it“ drückt. Genauso wie bei Flugzeugunglücken, Naturkatastrophen oder der Suche nach Katzenschändern und was es noch so alles an wissenswertem Grausamem gibt. „I like it“ ist ja wohl nicht das richtige Instrument für diese Art Nachrichten. Und auch der Trick, aus dem Like-Button einen Kondolenzbutton zu machen – ich finde das pikant.

Liegt der Fehler bei Facebook? Ausnahmsweise sage ich entschieden: „Nein!“ Wir haben uns nur zu sehr an die Nutzung von Social Media Plattformen im Allgemeinen und Facebook im Besonderen gewöhnt. Wir prüfen nicht mehr kritisch, ob die Informationen, die wir teilen, auch in eine „Gut, positiv, schön-Kultur“ passen. Wir sind zu unreflektiert. Unser Leben ist Facebook und dann muss – bitteschön – auch alles hineinpassen. Sogar der Nachruf … Hätte man aber nicht einen lebenden Dirk Bach in Topform zeigen können – als bestes Angedenken? Oder könnte man Nachrufe passend vorbereiten – wie das in Print seit Jahrzehnten Usus ist?

Reichweite hin, PageRank her. Warum überlassen wir den Tod nicht den Medien und Kommunikationskanälen, die dafür etabliert sind. Natürlich gibt es kein Recht darauf, von aller Welt unbeachtet zu sterben – was im Übrigen auch für Nichtpromis gelten sollte. Aber ich persönlich denke, dass man nicht alles in soziale Netzwerke stopfen muss, was Reichweite verspricht – mal abgesehen davon, dass die Nachricht vom Tod eines Prominenten weder eine zielorientierte Diskussion verspricht noch Exklusivität. Und das sind doch unsere Beweggründe für das Posten von Meldungen, oder? Oder ist das Ganze tatsächlich nur ein Spiel, die emotionslosen Maschinen von der Agilität unserer Seite zu überzeugen?

Also lasst bitte Informationen da, wo sie hingehören: in Informationskanälen und nicht in den „Like-und-Diskussionskanälen“. Und wäre das nicht ein gutes Zeichen, wenn Unternehmensseiten dafür belohnt würden, dass sie nicht „bad news“ nutzen, um ihre Reichweite zu erhöhen? Ach, von was träume ich denn? Das funktioniert doch seit Jahrhunderten nicht. Warum sollte es uns im 21. Jahrhundert gelingen?

Ihr/ Euer
Martin/ Reti

* über den Begriff prominent lässt sich natürlich trefflich streiten

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3 Kommentare

Verfasst von - 4. Oktober 2012 in Social Media

 

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3 Antworten zu “Social Media: Wanted Dead or Alive

  1. Christian Lutzke

    4. Oktober 2012 at 10:09

    Hi Martin,
    mal vorweg genommen, ich mag den Tod auch nicht.

    Was danach kommt, wollen wir mal aus der Diskussion herauslassen, denn das werden wir erst wissen, wenn wir tot sind. Ich hoffe, es dauert noch lange bis ich dieses Wissen erlange!

    Was sicher kommt, ist das Vergessen. Willy Fritsch? Paul Henckels? Sagen mir nix oder ich habe sie einfach vergessen? Das wird Dick Bach aus so gehen! Bald schon redet keiner mehr über ihn und er wird vergessen werden.

    Ist es aber nicht genau das, gegen das wir ankämpfen, gegen das Vergessenwerden? Ist es nicht ein kleiner Versuch von Hoffnung, indem man einem gestorbenen Promi Aufmerksamkeit gibt, dass einem das später auch passiert – Aufmerksamkeit und Liebe bis über den Tod hinaus?

    Sollte es wirklich so sein, dass wir nach dem Leben von irgendwo zuschauen können, würde es uns nicht freuen (wenn Gefühle denn von dort möglich sind), dass andere Menschen, Freunde und Verwandte über uns reden und sich liebevoll an uns erinnern. Und ist es dann nicht völlig egal, ob sie ‚Like It‘ drücken oder ‚Like You‘ Blumen auf unser Grab legen?!

    Vielleicht hilft es uns allen ein bisschen, den Gedanken an den schrecklichen Schnitter zu verdrängen und vielleicht gibt uns Hoffnung, nach den Tod nur das Leben aber nicht die Erinnerung in den Köpfen anderer zu verlieren. Umso verständlicher ist es, dass viele ihren Gefühlen Ausdruck geben wollen und einen bekannten und beliebten Mensch ehren wollen. Und was eignet sich da besser als das SoM? Weder kommt das Fernsehn zu mir, noch wird eine Zeitung Millionen Kondolenz-Beiträge drucken können, aber im Web kann jeder mittrauern und seiner Trauer eine Stimme geben.

    Dafür, dass die Menschen dies tun und damit Dirk Bach ehren, gibt es für mich ein ‚like it‘ auch wenn ich traurig bin, dass Dirk Bach so früh gestorben ist.

    Ciao
    Christian

     
    • martinreti

      4. Oktober 2012 at 13:58

      Hi Chris,

      Finde Deinen Kommentar berührend, bin aber gerade auf Konferenz. Ich verspreche, ich denke drüber nach und äußere mich nochmal

       
    • martinreti

      4. Oktober 2012 at 17:30

      Eine kollektive Maßnahme gegen das gegenseitige Vergessenwerden? Da sind wir uns völlig einig. Dass (alle) Menschen das verdient haben, versuchte ich anzudeuten.
      Was mich stört, ist die Art des Gedenkens. Dass Like it paradox ist, habe ich ja schon ausgeführt, aber dass sich Facebook Pages mit dem Tod profilieren, finde ich unsäglich. Dennoch hat mir Deine Argumentation zu denken gegeben. Es wäre interessant über eine repräsentative Umfrage zu erfahren, ob die Aufnahme solch stark negativ-emotionaler Themen als positiv empfunden wird. Sprich: vielleicht ist das nun so, dass wir auch unsere Betroffenheit mit Like it ausdrücken – in mein Weltbild passt das nicht. Ein respektvoller Nachruf wäre aus meiner Sicht aber passender gewesen.

       

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