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Social Media: Abgezockt

18 Okt

„Das ist gemein“
Bild: Pauline / pixelio.de

„Ihr seid so gemein! Das ist unfair!“ Väter, Mütter und andere Erziehungsberechtigte (Omas ausgenommen) kennen Sprüche wie diese. Die erleben eine Renaissance immer dann, wenn man nicht den Wünschen der lieben Kleinen willfährt. Seine Fortsetzung erlebt das Ganze, wenn Formel 1- Rennen am grünen Tisch entschieden werden, weil ein Rennstall ja ein Bauteil benutzt hat, das 1,5 Millimeter  zu hoch war – „das war gemein“ – nur in groß. Ich warte ja, dass der DFB bei der FIFA gegen das Spiel am Dienstag Berufung einlegt, den „das war ja gemein“, dass die in allerletzter Minute noch den Ausgleich schießen.

Die neueste Runde im „Das ist gemein“-Zirkus läutet der Standard ein, indem er Betroffene des neuesten Facebook-Betrugs zitiert:  „Facebook hat Unternehmen mit kostenlosen Fan-Pages gelockt, doch nun heißt es, dass nur ein kleiner Prozentsatz der User die Einträge tatsächlich sehe. Das ist nicht allen klar gewesen.“

Ich verstehe das so: Facebook ist eine Plattform, die auf arglistige Weise arglosen Unternehmen das Geld aus der Tasche zieht. Und nicht mehr nur Unternehmen, sondern vielmehr auch Privatleuten, die nun auch promoted Posts beauftragen können, wozu Karsten Wusthoff einen Artikel geschrieben hat, den ich mit großen Amüsement las.

Achso, Facebook ist gar keine  karitative Einrichtung, die der Menschheit das Abenteuer des sozialen Netzwerks geschenkt hat? Dieses altruistische Unternehmen verleugnet seine Wurzeln und macht sich auf den Weg zum schnöden Mammon. Unfassbar! Wer wohl die Serverfarmen und die ganzen Mitarbeiter bezahlt?

Ein paar Gedanken zu Facebook auf der Anklagebank

Facebook macht die Regeln und wir spielen danach. Wir inszenieren uns ja gern in der Rolle dessen, der ein  Recht auf all das hat: grenzenlose Beziehungspflege, kontinuierliche Nutzung  von Webdiensten, Unterhaltungsprogramm rund um die Uhr. „Hallo, McFly …“ Darum nochmal hier in aller Deutlichkeit: Die würde des Menschen ist unantastbar, aber ein Rechtsanspruch auf Facebook ist damit nicht verbunden.

Lieber ein bekannter Feind als ein unbekannter

Vermutlich etwas zu plakativ formuliert: Lasst uns lieber Unternehmen misstrauen, deren Geschäftsideen und Wege zum Geldverdienen wir nicht kennen. Facebook muss tatsächlich diese 2200 Mitarbeiter und die Hardware bezahlen – und dazu noch seine Investoren bedienen. Daran gibt es eigentlich zunächst mal nichts auszusetzen. So funktioniert die Wirtschaft. Und wenn Facebook eingeht, weil das Unternehmen nichts verdient, dann müssen wir als FB-Süchtige ebenfalls aufschreien, wenn unser Spielzeug kaputt ist.

„Mit Geld da kann man vieles kaufen, auch Nutzer die den Firmen nachlaufen“

Ich verstehe den Aufschrei nicht. Die Spielregeln, die Facebook vorgibt, sind doch längst akzeptiert. Die Zahlen des WallStreet-Journal belegen das: In den USA wenden bereits 77 Prozent der Unternehmen ein Viertel ihres Marketingbudgets für Social Media auf*. Für mich heißt das, dass die Firmen schon längst erkannt haben, dass Facebook JAPFA ist – just another platform for advertising.

Natürlich gibt es zwei Wege mit Facebook umzugehen: den Knochenjob oder die Geldbörse. Es ist immer der einfachste Weg, Geld in die Hand zu nehmen, um Reichweite zu erzielen. Das kann ja sogar darin gipfeln, Fans zu kaufen. Das erinnert ein bisschen an Wachstum durch Merger & Acquisitions, die Verbesserung der Wettbewerbspositiion durch Zukauf anderer Unternehmen.

Der Fan – das unbekannte Wesen

Der alternative Weg des organischen Wachstums ohne Budget  ist steiniger, aber nachhaltiger: Mehrwerte für Fans zu bieten, so dass diese freiwillig und gerne wiederkommen und womöglich sogar das Unternehmen empfehlen oder mitgestalten. Oder lebendige Beziehungen auch zu Kritikern zu pflegen. Da steckt Arbeit drin.

Wer solche Fans hat, der braucht sich auch keine Gedanken über Edgeranks und Co. zu machen. Facebook belohnt immer noch diejenigen, die hohe Interaktion bieten. Wenn ich langweilig bin oder halbtot, ist Aufregung über Facebook unangemessen. Dann muss ich selber Verantwortung übernehmen, statt mich über Zusatzausgaben aufzuregen. Gute Arbeit in der Vergangenheit ist dann aber auch ein Sprungbrett, um in der Zukunft Kosten zu sparen – und damit hätte man tatsächlich für „gute“, d.h. nachhaltige Social Media Arbeit einen monetären Mehrwert geschaffen. Denn die Adressierung von Fans ist kostengünstiger als die von Nicht-Fans.

Und zuletzt: „Facebook bleibt kostenlos“ 😉

Was mir früher immer so entgegensprang – das gilt natürlich immer noch. Facebook ist nach wie vor eine Plattform, die mir ermöglicht, kostenlos mein Unternehmen zu präsentieren. Ohne Wenn und Aber. Mit ein paar Klicks habe ich einen zusätzlichen Kanal etabliert, der mich zusätzlich im Netz platziert. Punktum. Diesen Kanal gab es vorher nicht. Und ich kann diesen Kanal auch über meine traditionellen Marketingmaßnahmen in den Blick der Öffentlichkeit bringen. Ich muss nicht im Facebook-Saft schmoren. Die Verzahnung verschiedener Kanäle/Medien scheint ohnehin keine so schlechte Idee. Facebook ist nicht der „Last Man Standing“, sondern eben nur ein Mosaiksteinchen. Ob die Interessenten/Kunden bei meiner Facebook-Page anklopfen, auf meiner Webseite landen oder gar bei Google+ ;-), ist mir aus Unternehmenssicht egal. Kontakt ist wichtig.Jetzt bleibt uns nur dreierlei: 1. Spiel das Spiel nach den Facebookregeln gut,  2. Lass es bleiben und lösche Deinen Unternehmens-Account oder 3. Lasst uns heulen.

Von den drei Möglichkeiten halte ich die letzte für die schlechteste 😉

Heul doch!
Bild: Wandersmann /pixelio.de

Mit besten Grüßen

Martin/ Reti

*Zugrunde liegen den Zahlen Unternehmen mit einem Jahresumsatz zwischen 5 und 50 Millionen Dollar.

 
4 Kommentare

Verfasst von - 18. Oktober 2012 in Social Media

 

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4 Antworten zu “Social Media: Abgezockt

  1. Karsten Wusthoff (@karstenslife)

    18. Oktober 2012 at 19:14

    Moin Martin,

    ich stimme dir 100% zu, dass dieses Facebook-Gebashe eine blöde Mode und meistens einfach Resultat von Unsicherheit/Missverständnisses ist.
    Da bin ich ganz bei dir.

    Was ich in meinem Artikel kritisiert habe, ist nicht die Tatsache, dass nun Privatleute ihre Posts promoten können oder dass Facebook Geld verdienen will. Das ist alles ok und natürlich muss FB auf die Penunsen schauen.
    Worum es mir ging: Facebook zieht alle diese Änderungen durch und versucht dem Nutzer aber immernoch weißzumachen, das wäre alles in seinem Interesse. Und das ist schlicht und ergreifend falsch und bestenfalls Verdrehung der Tatsachen (Lügen hört sich immer so hart an).

    Wenn FB ganz klar sagen würde: „Ja wir sind kostenlos und das bleibt auch so. Dafür müssen wir andere Wege finden, den ganzen Krempel hier zu bezahlen. Und da müssen die Nutzer eben auch Einschnitte machen.“ Dann wäre ich ganz zufrieden. Das kann man dann gut finden oder nicht. Was ich aber scheiße finde, ist dieses „Wir verbessern Facebook“-Gewand, in das die eindeutige Gewinnorientierung gehüllt wird. Von den Instranzparenzen bei den Abläufen des Filterns etc. mal ganz zu schweigen (Wobei das auch wieder unter den Titel „Weiß man, wenn man sich drauf einlässt“ fällt).

    Ich bin also eher als normaler Nutzer angepisst, als als Seitenbetreiber/Unternehmen. Und wenn die Nutzer, also die Basis von JEDER Aktion auf Facebook, unzufrieden sind, dann darf man auch mal nörgeln….

    Ansonsten guter Artikel 🙂

    lg
    Karsten

     
    • martinreti

      18. Oktober 2012 at 19:37

      Hallo Karsten,

      Ich hatte mich in der Vergangenheit auch schon über das Gebaren von Facebook ausgelassen und stimme Dir da zu. Das ist aber nicht nur Facebook-typisch, dass mir als Verbraucher eingeredet wird, alle Änderungen wären nir zu meinem Vorteil. Unternehmen haben immer handfeste (Eigen)mehrwert-Interessen 😉
      Die Frage ist für mich: Will Facebook uns eine schöne Nutzenargumentation servieren oder glauben die womöglich selber an das, was sie uns als Nutzer erzählen. 🙂
      Also: null Kritik an Deinen Ausführungen, die ich mit großer Freude gelesen habe.

      Mit meinem Text wollte ich in erster Linie auf den Standard/ WallStreetJournal-Artikel antworten.
      Für mich ist der Businessaspekt hierbei interessanter. Als Privatmann würde ich ohnehin nicht auf die Idee kommen, für einen Post zu bezahlen 🙂

       
  2. Christian Lutzke

    18. Oktober 2012 at 12:54

    Das kann ich nur unterstreichen! Das gilt übrigens auch für firmeninterne SoMs. 🙂

     
    • martinreti

      18. Oktober 2012 at 16:19

      Meinst Du das Heulen? 😉

       

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