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Social Media: just another website

22 Nov

Social Media: Closed Shop oder offene Türen?
Bild: Marianne J./ pixelio.de

„Here is the law“, rief in den guten alten Zeiten schon mal Judge Dredd, der freundliche Gesetzeshüter von nebenan. „Wo ich bin, da gelten meine Regeln“ – und das scheint auch bei Facebook zu funktionieren.

Social Media ist für mich auch und prinzipiell eine Frage der Haltung. Natürlich haben Unternehmen den berechtigten Wunsch, dort ihre Marketingbotschaften abzusetzen, wo die Menschen sind. Also auch auf den sozialen Plattformen. Aber zugleich verstehe ich das Aufsetzen eines (beispielsweise) Facebook-Auftritts auch als einen Akt der Wertschätzung gegenüber Menschen. Denn ich zeige mich als Unternehmen bereit, mit Menschen zu diskutieren – offen und vorbehaltlos. Ich bin interessiert an ihren Erfahrungen, Wünschen, Vorschlägen – und nicht daran, dass sie mir nach dem Mund reden. Oder dass sie nur Marketing-Botschaften-Empfangs-Vieh sind. Vielleicht kennzeichnet ein Social Media Auftritt sogar eine Evolutionsstufe eines Unternehmens.

Die Haltung prägt den Auftritt

Diese beiden Haltungen zeigen sich denn auch im Betrieb von Social Media Auftritten. Sie denken, ich habe mir das ausgedacht? Das würde ich mir auch zutrauen, aber in Wirklichkeit ist das das Ergebnis einer Social-Media-Veranstaltung, die ich letzte Woche besucht habe. Freilich gab´s da die üblichen Vorträge, in denen wir erfuhren, wie man einen Tweet absetzt und wie dialogorientiert soziale Medien sind – außer Xing natürlich (denn das ist was für alte Menschen) ;-). Aber interessant waren natürlich die Erfolgsgeschichten aus der Region.

Beim Betreiber einer Eventagentur erhielten wir Zuhörer da einen tiefen Einblick in erfolgreiches Social Media Marketing. „Natürlich haben wir unsere Facebookseite so aufgebaut, dass da nicht jeder einfach so draufposten kann. Wir schauen uns das vorher genau an, was die Leute schreiben. Und wenn es passt, dann geben wir den Post frei. Schließlich wollen wir ja unser Wunschimage mit dem Facebook-Auftritt prägen“.

Wie genau das funktioniert, haben wir nicht näher eruiert, aber dass diese Haltung den eigentlichen Gedanken eines Facebook-Auftritts („dialogorientiert“) konterkariert, schien dem Referenten nicht klar zu sein. Image aus dem Bilderbuch geht über alles und Facebook ist, um es mal mit meinen Worten zu sagen, „just another website“. Warum Facebook wohl nicht „mit kostenlosem Webspace und der Bereitstellung eines state-of-the-art-Templates für Ihre Neuigkeiten“ wirbt, sondern mit „Verbinde Dich mit Menschen … und lass sie teilhaben“? Das Positive: Der Fokus auf kostenlose Eigenpräsentation des Unternehmens ist ein klares Argument für ein Engagement in Social Media. Der Eindruck, den Auftritt kontrollieren zu können, kann auch Unternehmen und Menschen motivieren, die mit Facebook bislang nichts am Hut hatten.

Ein Unzufriedener ist noch kein Shitstorm

Allerdings sollte man sich darüber im Klaren sein, dass diese Haltung nur ein Teil einer Wunschrealität ist. Ein Unternehmen wird nicht nur auf Facebookseite und eigener Webseite diskutiert. Die Zeiten der Kontrolle sind vorbei. Wieviel mögliche Fans das Unternehmen mit seiner Haltung vergrätzt hat, weil es sich gegen Echtzeit-Diskussionen abschottet, wissen wahrscheinlich nur speziell geschulte Propheten. Aber das Wort „Shitstorm“ angesichts vereinzelter negativer Kommentare in den Mund zu nehmen, ist wohl ein kleines bisschen überzogen. Mit negativen Kommentaren muss man als Unternehmen leben und umgehen – man kann nicht everybody´s darling sein.  Alles andere wäre Illusion. Nicht mal Google gelingt es, bei jedem beliebt zu sein. Nicht wahr, Datenkrake ;-)?

Dazu gesellen sich ein paar administrative Erwägungen. Jeden Fremdbeitrag vorher zu lesen – das funktioniert bei einem Auftritt mit rund 1000 Fans noch ganz gut. Ich mag Handarbeit und persönliche Betreuung der Dialogpartner. So gewinnt man Menschen. Aber wenn der Auftritt ein weiteres Wachstum hinlegt, wächst einem möglicherweise auch die Handarbeit über den Kopf. Insbesondere, wenn tatsächlich mal ein echter Entrüstungssturm losbrechen sollte. Wenn dann auch noch ein zeitliches Limit („nicht mehr als eine Stunde täglich, bitte“) für die Nutzung sozialer Medien dazukommt, ist man in einer perfekten Falle angekommen: Die Kapazität zur Betreuung des Accounts reicht nicht aus. Die Menschen sind vergrätzt, weil ihre Kritik nicht wahrgenommen wird und sie bauen möglicherweise eine eigene Facebook-Seite auf unter dem Titel „Ich hasse XY“. Kontrolle sieht anders aus.

Was mich ein wenig schmerzt: Der Auftritt der Agentur ist erfolgreich. Mit 1000 Fans ist man schon jemand. Aber wie viele Fans man mit Freizeitangeboten und echtem Dialog generieren kann, macht die Therme Erding vor. Ich bin überzeugt davon, dass sich die Kraft von Social Media durch einen sauberen Spielaufbau entfaltet und nicht durch Manipulation der Regeln. Nachhaltigkeit statt Marketing.
Naja, man wird ja noch träumen dürfen …

Beste Grüße
Ihr/Euer
Martin/ Reti

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5 Kommentare

Verfasst von - 22. November 2012 in Social Media

 

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5 Antworten zu “Social Media: just another website

  1. René Büst

    24. November 2012 at 11:59

    Ich hatte mit zu dem Thema vor längerer Zeit auch mal so meine Gedanken gemacht und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass man Social Media quasi wie ein 365/24/7 Callcenter verstehen und behandeln sollte.

    http://bizruption.de/social-media/willkommen-zuruck-in-der-welt-der-synchronen-kommunikation-social-media-ist-ein-365247-callcenter-3057

     
    • martinreti

      24. November 2012 at 15:37

      Hallo Rene,

      ja, ich pflichte natürlich völlig bei. Wobei Du ausschließlich von „Tele“kommunikation schreibst und dabei die personale Direktkommunikation außen vor lässt. Dein Text ergänzt den meinen bezüglich des Aspekts Verfügbarkeit. Bei mir geht es um den Gedanken, Kommunikation kontrollieren zu können. Eine Illusion, wie ich meine. Ärgernis bricht sich immer irgendwie Bahn. Sei es auf eigens dafür eingerichteten Kanälen oder anderen verfügbaren. Und damit sind wir wieder beim Call Center. Und auch bei 365/24/7 – denn der Ärger kennt keine Ladenschalusszeiten. Tnx für die Ergänzung und Grüße nach DA

      Martin

       
  2. Christian Lutzke

    22. November 2012 at 17:15

    Sehr schön!!!
    da fällt mir ein Beitrag ein, den ich gestern gelesen habe:
    http://www.spiegel.de/netzwelt/web/vorgefiltertes-web-die-ganze-welt-ist-meiner-meinung-a-750111.html
    Die Agentur macht das wohl so perfekt vor, dass die bei sich wahrscheinlich ein richtig kuschliges Wohlfühlklima geschaffen haben und alle sich bestätigt fühlen und alle der Meinung aller anderen sind. Keine Widerrede, kein Streit – dafür hat man ja Mann und Frau Zuhause. Das ist doch toll, da will ich auch hin 😉

     
    • martinreti

      22. November 2012 at 17:36

      Es lebe das gute Image. Und das Gefühl der Kontrolle. Wer hat die daheim schon? 😉 Ich schaue mir den Spiegelartikel gern mal an. Danke für den Tipp

       
    • martinreti

      22. November 2012 at 17:44

      Ach, der Edgerank. Das Filtern von Nachrichten ist ein klasse Thema. Vielleicht sollte ich das auch mal aufgreifen. Wir wollen uns immer mehr Wissen in immer kürzerer Zeit aneignen und weil unsere Köpfe das nicht mitmachen, übernehmen die Algorithmen auf Basis unserer Vorlieben eine Vorauswahl. Es bleibt dabei: Was ich wirklich wissen will, sollte ich mir nicht bringen lassen, sondern selber suchen. Wir bewegen uns tatsächlich in einer von Maschinen sortierten Welt. Darübner müssen wir uns klar sein – auch wenn das Ganze sich so anheimelnd menschelnd „Social Media“ nennt. Der Gedanke am Schluss des Artikels ist mit Sicherheit wahr: Wer hat schon die Courage gegen den vorherrschenden Trend Stellung zu beziehen? Dazu gehört ein gewaltiges Rückgrat. Herr Spitzer wird beispielsweise dafür massiv angegriffen …

       

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