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Zornesröte per IP

02 Mai

Ich verspreche es: Heute werde ich mich seeehr unbeliebt machen. Allerüberall im Webland steht den Prominenten und weniger Prominenten die Zornesröte im Gesicht. Ich kann sie quasi über IP sehen, die Hitze spüren. Die Telekom wird unser Recht auf freie Webnutzung beschneiden. Damit haben wir nun nach Uli Hoeneß im Bundestags-Wahljahr einen weiteren Staatsfeind Nummer Eins identifiziert.

Frei nach Äsop: Der Elefant und die Tiere

Es war einmal ein Elefant. Der war, wie Elefanten das so sind, ziemlich stark. Und weil er so stark war, beauftragte ihn der König der Tiere, der Löwe, das Futter für die anderen Tiere in seiner Nachbarschaft herbeizuschaffen. Der Elefant solle soviel besorgen, dass alle genügend zum Leben hätten. Für die Maus einen Happen, für das Zebra einen größeren Happen und für das Nilpferd eine anständige Portion. Also besorgte der Elefant Gras und Wurzeln, Früchte und was sich noch so an Essbarem in der weiten Steppe fand. Und legte am Wasserloch alles bereit. Und die Tiere kamen und aßen sich satt. Aber weil der Elefant fürsorglich geplant hatte, blieb noch ein Haufen Futter übrig. Da sagte sich die Maus: „Na, wenn das für mich reicht, dann reicht das auch für meine Verwandten“. Und sie brachte ihre 100-köpfige Verwandtschaft mit. Und das Zebra sagte sich: „Sicher kann ich auch noch meine Verwandten von anderen Wasserloch einladen“. Und das Nilpferd dachte bei sich: „Ach, was soll’s – meinen Verwandten geht’s so schlecht. Der Elefant kann uns alle versorgen“. Und so stellte sich am folgenden Tag eine große, eine wirklich große Herde von Büffetgästen ein. Und Sie fraßen das Futter und der Elefant musste abermals losziehen und mehr Futter besorgen, weil ihn viele hungrige Mäuler erwarteten. So ging es viele Tage, bis der Elefant nicht mehr genügend Futter fand. Er rationierte das Futter. Jede Tierart sollte nur 75 kg Futter erhalten. Und die fetten Mäuse und die fetten Zebras und die fetten Nilpferde, sie alle gingen zum König. „König Löwe“, sprachen sie, „hast Du den Elefanten nicht beauftragt, uns alle gut zu versorgen? Siehe der Elefant rationiert unser Futter. Wir bekommen nicht mehr genug. Das ist ungerecht“.

Die Beschneidung unserer „Rechte“

Natürlich sprechen wir Internetmenschen nicht von Ungerechtigkeit. Wir heben das Thema direkt eine Stufe höher: Wir sehen unsere Rechte beschnitten, wir sehen die Netzneutralität in Gefahr. Wir protestieren, weil wir nicht nur an uns selbst denken, sondern auch an die Generationen, die nach uns kommen.
Und wir argumentieren natürlich auch damit, dass 75 GB schon in naher Zukunft nicht mehr ausreichen werden. Weil die Menge der transportierten Daten zunehmen wird.

Ich möchte das gar nicht in Frage stellen. Aber ich will wissen: Warum? Meine Antwort: Weil wir uns möglicherweise an ein All-inclusive-Denken gewöhnt haben. Das freie Netz – in jeder Hinsicht. Jeder Dienst zu jeder Zeit, in jeder Menge. Das ist mein Grundrecht. Denn ich bezahle ja dafür. Nirgends sonst sind wir im Umgang mit Ressourcen so schonungslos verschwenderisch wie im Web. Wir erwarten immer coolere Effekte, immer mehr Leistung, immer mehr Interaktion, immer mehr Geschwindigkeit, auf immer mehr Geräten – mobil und stationär. Wir haben das moderne Füllhorn gefunden und melken es – und wer seine Möglichkeiten nicht ausnutzt, der ist blöd.

Und dieses All-inclusive-Denken ist der Feind jedes Geschäftsmodells. „I Want it All“ – aber ich will nicht dafür bezahlen. Die Telekom ist – wie viele andere Unternehmen auch – kein Wohlfahrtsverein, sondern ein Wirtschaftsunternehmen, das Geld verdienen MUSS. Für Investitionen, für Löhne, für Aktionäre, für Trikotwerbung😉 etc.

Unser Denken dreht sich ums Virtuelle

Immer wieder reden wir davon, dass virtuelle Dienste, dass Daten für uns immer realer werden. Aber wenn das tatsächlich so ist, dann sollten wir auch genauso schonend mit ihnen umgehen. Haben wir nicht mal behauptet, die Cloud sei wie Wasser und Strom. Und haben die Mär der unbegrenzten Verfügbarkeit in die Welt gesetzt? Kein Wunder, dass wir jetzt auch so denken. Aber tatsächlich leben wir in einer Welt der Endlichkeit. Warum sparen wir Wasser und Strom?

Ich würde gerne noch mehr Beispielrechungen für den aktuellen Datenverbrauch sehen. 13 Filme in einem Monat, 60 Stunden Internetradio, 16 Stunden Onlinegaming – via IP-Leitung. Das erscheint mir eine ganze Menge. Da muss ich ordentlich planen, um das alles auszunutzen – jeden Tag zwei Stunden Webradio, alle zwei bis drei Tage einen Film und jeden Tag eine halbe Stunde Spiele. Also mein Vorrat an Freizeitbedarf ist damit gedeckt. Ich muss mal schauen, wie ich da meine realen Beziehungen unterbringe😉
Nur die wenigsten Webnutzer werden diesen Rahmen ausschöpfen bzw. überschreiten. Die meisten „Normalos“ werden von einer Drosselung nichts spüren. Sie werden nicht „bestraft“, weil sie möglicherweise nicht übermäßig sind. Weil sie Musik auch noch aus Radio oder CD-Player hören, weil sie Filme mit BlueRay oder DVD anschauen. Weil Sie einen Fernseher daheim haben.

Was mich an der Diskussion ein wenig befremdet, ist, dass wir denken, es gäbe keine Alternativen. Das Web wird zum Zentrum unseres Denkens. Die Realität ist: Nur die Aller-allerwenigsten von uns müssen eine Einschränkung ihrer Lebensqualität hinnehmen. Es gibt Alternativen – entweder über „back to the roots“, über einen maßvollen Umgang mit Ressourcen oder – wenn es denn sein muss – bei einem anderen Provider. Denn die haben ja versprochen, nicht zu drosseln. Wir werden sehen. Also: Nicht beschweren, sondern wechseln. Das ist die Macht des Kunden.

Bitte serviert mehr Fakten, mehr handfeste Beispiele, gebt einen repräsentativen Querschnitt, wer das Netz wie nutzt und bringt die Diskussion auf ein unaufgeregteres und faktisches Niveau. Und, liebe Telekom, lasst mich bitte endlich, wie Ihr versprochen habt, sehen, wie viel GB ich denn so im Monat verbrauche. Damit ich auch ein paar Fakten beisteuern kann.

Ich bin offen, Ihr könnt mich gerne überzeugen. Momentan halte ich es mit Shakespeare „Viel Lärm um Nichts“.

Mit nachdenklichen Grüßen
Ihr/Euer Martin/ Reti

p.s.: Ich bin übrigens nicht der Einzige, der denkt, dass 75 GB eigentlich völlig genug sind: Lead Digital, ZDNEt

p.p.s: Würde mich nicht wundern, wenn ich jetzt mit wütenden Kommentaren überzogen werde.

 
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Verfasst von - 2. Mai 2013 in Uncategorized

 

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