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Social Media: Lass Dich überraschen

11 Jul
Der Gatekeeper - klassisch

Du kommst hier nicht vorbei – so arbeiten Gatekeeper halt.

Filme, Babykleidung, einen Geschenkshop und Software – all das lässt sich finden, wenn wir uns bei Google auf die Suche nach dem rätselhaften Wort „Serendipity“ machen. Das Wort hat es 2009 immerhin auf die Liste der heftigsten Übersetzungsnüsse geschafft. Dabei hat es eine ganz schöne Historie: Bereits 1754 benutzte der englische Adlige Horace Walpole das Wort als Ableitung der persischen Geschichte der Drei Prinzen von Serendip, um das zufällige, glückliche und erwartete Auffinden von Interessantem und Lehrreichem zu bezeichnen.

Wenn das der Anspruch ist, den wir an das Web von Heute haben, dann sollten wir enttäuscht sein – so zumindest habe ich gestern Abend @michael_schmitz von Publicis verstanden. Denn seit 2009 ist die Googlesuche nicht mehr die Suche, wie wir sie kennengelernt haben. Sie ist personalisiert. Was bedeutet das?

Mit Google auf Bergtour

„Aufi geht’s“, sagt der Bergführer und blickt auf die Truppe unerfahrener Flachländer. „Wir machen heute eine anspruchsvolle Wanderung. Da müsst´s Ihr fit sein. Aber lauft mir einfach hinterher, dann passiert Euch nichts und Ihr seht alles, was wichtig ist. Von wegen der Weg ist das Ziel. Das Ziel ist das Ziel“.
„Was steht denn da für ein Blümchen?“ „Was wartet denn hinter dem Felsgrat da oben?“ „Wie heißt denn das Dörfchen da unten?“
„Das braucht Euch nicht zu interessieren – wir wollen nur zum Gipfel“.

Stark vereinfacht dargestellt ist das die Haltung Googles. Wenn zwei verschiedene Menschen nach ein und derselben Sache suchen, erhalten sie unterschiedliche Suchergebnisse. Die Suche ist nicht mehr universal und unvorbelastet, sie orientiert sich an meinen persönlichen Präferenzen, Quellen, Themen, meiner Suchhistorie etc. Ich unterstelle, dass der Google-Algorithmus – falsch! mein Google-Algorithmus – dies in einer Art hilfreichem, vorauseilendem Gehorsam tut. Er filtert die Informationslast des Webs vor, entsprechend meiner pesönlichen Bedürfnisse. Weil – und das ist unbestritten – niemand (nicht mal die NSA) alle Informationen, die im Web kursieren, erfassen und auswerten kann.

Wir leben in der Wirklichkeit, die wir (?) uns schaffen

Allerdings wird mein Weltbild dadurch enger. Oder anders ausgedrückt: Ich brate in meiner eigenen Soße, die ständig frisch verfeinert und abgeschmeckt wird – aber ohne neue Zutaten. Das überraschende Finden von Neuem und das Spinnen neuer inhaltlicher Querverbindungen ist da außen vor oder anders gesagt: Die Serendipity ist tot, kreative Impulse Fehlanzeige. Soweit die These von Michael Schmitz – der mich gerne korrigieren kann, wenn ich ihn missverstanden habe.

Aber das passt gut zu dem Trend, dass wir unsere Wahrnehmung der Welt (bis hin zu unseren Aktionen und Reaktionen) von Maschinen übernehmen lassen. Sie sind unsere Helferlein, die uns helfen, den Infodschungel zu durchforsten, aber sie werden damit auch zu den Haushofmeistern (heute heißen die „Gatekeeper“), die entscheiden, welche Informationen uns erreichen. Wer konstruiert denn nun unser Weltbild? Eine spannende Frage. Denn sie entscheidet maßgeblich auch darüber, was wir denken und welche Haltungen wir einnehmen.

Filter, wohin das Auge reicht

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Filtern muss ja nicht unbedingt schlecht sein …

Ich hätte hier gerne noch einen Passus untergebracht, dass Maschinen bisweilen ein interessantes Eigenleben entwickeln, belasse es aber mit der Feststellung, dass Filterung schon immer ein Teil unseres Lebens war. Wir müssen Google nicht dafür an den Pranger stellen. Filterung beginnt unseren Hormonen, die uns die rosarote Brillen aufsetzen, geht über die redaktionelle Auswahl der Beiträge in unserem Haller Tagblatt bis hin zum Edgerank von Facebook.

Schmitz formuliert drei Wege, um aus der Googleblase auszubrechen. Aber letzten Endes ist es doch nur einer: Verlass Dich nicht auf Google, benutze andere Quellen. Am besten solche, die Themen schon konsolidieren. Das wären Kuratierdienste, die themenorientiert Informationen aus dem Web zusammenfassen, das wären Crowdsourcing-Plattformen wie reddit, die direkt eine Bewertung der Themen vornehmen und so die „interessantesten“ Themen nach oben spülen oder das ist eben das soziale Umfeld der sozialen Netzwerke. Drei von Google unabhängige Quellen, die mit anderen Filtern arbeiten und so die Chance auf Serendipity bieten – frisches Gedankengut.

Und wohin damit?

Geben wir uns keinen Illusionen hin: Wir werden nicht alles an Infos bekommen, was uns interessiert. Ein großer Teil, wenn nicht sogar der größte, wird ohne Wechselwirkung an uns vorüberziehen – selbst wenn wir die Zeit und die Hirnkapazität hätten, den „Content“ vollumfänglich aufzunehmen und auszuwerten. Welch eine furchtbare Verschwendung …😉

Unsere Begrenztheit sollte uns nicht erschüttern. Wir werden es machen, wie wir es schon immer gemacht haben: Wir schauen die maßgeblichen Medien durch (relevante Quellen, enger Filter), wir werfen einen  Blick in die Empfehlungen unseres Netzwerks (diverse Quellen, kontaktgefiltert) und – wenn wir wollen – dann mischen wir uns eben einen „serendipisierenden“ Kuratordienst wie Flipboard hinzu. Wenn wir dem größtmögliche Quellenfreiheit geben, dann wird da schon Überraschendes auftauchen. Kerstin hat ja auch schon mal beschrieben, wie sie sich mit Infos versorgen lässt.

Dann brauchen wir nur noch die Zeit, um aus den vielen Informationen eigene Produkte zu erzeugen – mit mehr oder weniger Wertschöpfungstiefe. Entweder durch das einfache Weiterkuratieren und Kommentieren (paper.li, storify) oder aber durch das Austappen von eigenen, neuen Gedanken dazu. Das nennen wir dann Bloggen. Und manchmal machen wir aus unserem gesammelten Wissen einen Vortrag. In diesem Sinne: Danke an Michael Schmitz für seinen Vortrag beim Marketingclub Heilbronn.

Beste Grüße
Ihr/ Euer
Martin/ Reti

 
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Verfasst von - 11. Juli 2013 in Social Media

 

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