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Social Media: Demonstration der Macht

17 Okt
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Heute schon kununut?
Dieter Poschmann/pixelio.de

Ein bisschen 1. Mai-Feeling kommt da schon auf, wenn ich bei kununu vorbeischaue. Nur kommt die Plattform zur Arbeitgeberbewertung halt ganz ohne rote Fahnen aus. Und die Demonstrationen gehen rund um die Uhr.

Kununu ist schon längst kein unbeschriebenes Blatt mehr (in Suaheli heißt kununu „leeres Blatt“). In den letzten Jahren hat das Portal es heimlich, still und leise geschafft, zur Nummer 1 der deutschsprachigen Arbeitgeber-Bewertungsplattformen aufzusteigen. Das bestätigen 1.500 Bewertungen, die tagtäglich abgegeben werden. In der Folge münden Suchanfragen wie „Arbeitsatmosphäre“, „Betriebsklima“ oder „Karrierechancen“ plus Unternehmen XY immer mit einem: „Gestatten, kununu, ich hätte auch eine Meinung dazu …“

Die Zahl der Kununu-Fans ist stetig steigend. Klar, wir neigen ja als Deutsche ohnehin dazu, eher schnell mal zu motzen als zu loben. Scheint wohl eher in unserer Natur zu liegen. Aber da wir mehrheitlich Arbeitnehmer und Aufgabenempfänger sind, genießt die Plattform einen landauf, landab positiven Ruf. Sie leistet ja auch mit dem ungeschminkten Blick hinter die Kulissen einen wichtig Beitrag, damit sich Interessenten über Unternehmen informieren können. Betonung auf können – doch dazu später mehr.

Weitere Fans für den Kununu-Gedanken konnte @CarolinHorn vor kurzem auf der Social Media Night in Stuttgart sammeln – zumindest wenn man der Zusammenfassung von @FrankFeil in der Stuttgarter Zeitung und der Twitterstatisitk von @LarsKroll glauben darf.

Gerne steuere ich noch ein paar zusätzlich Gedanken über die Plattform bei. Denn neben verprellten (oder auch zufriedenen) Mitarbeitern und der Chefetage gibt es noch einen Puffer in Unternehmen. Die Personalabteilung oder – gerade, wenn es um soziale Netzwerke geht – die Social Media Treibenden. Ich war zwei Jahre lang einer davon.

Zwischen den Brötchenhälften

Die positive Seite von kununu geht weit darüber hinaus, dass Mitarbeiter Dampf ablassen können oder dass womöglich sogar die in Social Media Zeiten so angesagte Transparenz entsteht. Unternehmen, die die Rückmeldungen Ernst nehmen (besonders wenn sich Aussagen häufen), können sehr viel lernen. Sie erhalten eine kostenlose MItarbeiterbefragung. Die wahrscheinlich nicht ganz repräsentativ ist. Aber die ganz konzentriert zeigt, wo der Schuh drückt. Wenn die Führungskultur mehrfach angeprangert wird – vielleicht wäre das ja ein Impuls, was zu ändern? Dadurch kann kununu sogar Unternehmensrealitäten verändern. Das wäre doch ein schöner Traum.

Das Revolutionäre an kununu ist: Unternehmen werden zu Getriebenen. Der kleine Mensch hat den Hebel in der Hand und kostet ein Stückchen Macht. Das ist so ähnlich wie bei der Sicherheitssoftware auf dem Rechner: Die Bedrohung ist immer zuerst da. Unternehmen bekommen das Heft aus der Hand genommen. Sie müssen reagieren.

Zunächst mal kann man jemanden etablieren, der die Plattform im Auge behält (die automatische Benachrichtigung braucht übrigens immer ein Weilchen, bis sie sich meldet) und dann zur Bewertung Stellung bezieht. Bevorzugt übrigens an den Wochenenden oder ganz frühmorgens, weil Unzufriedene ihren Befindlichkeiten ja gerne nach Dienstschluss in der Behaglichkeit des eigenen Heims Linderung verschaffen – ohne dass womöglich jemand nachverfolgen kann, wo die Bewertung herkam.

Die Anonymität der Plattform ist natürlich zum einen eine Stärke, zum anderen eine Schwäche. In Social Media Zeiten wollen wir ja einfachen Zugang, einfache Teilhabe. Aber niemand prüft, ob der Bewertende tatsächlich in dem Unternehmen arbeitet, das er bewertet oder ob er womöglich schon seine 10. Bewertung einträgt. Die Einfachheit der Meinungsäußerung öffnet also der Manipulation Tür und Tor. Übrigens natürlich in beide Richtungen. Allzumal ja eine Bewertungsanzahl von 40 schon als überdurchschnittlich gilt.

Die Crowd kennt die Wahrheit

Das Netz vergisst nichts? Das Netz kennt die Wahrheit? Ab einer bestimmten Bewertungsmenge kann das durchaus als sehr wahrscheinlich gelten. Denn nur der Insider kann nachvollziehen, ob die abgegebene Bewertung tatsächlich wahr ist. Und nachvollziehen, ob sie erdichtet ist. Die Konkretion in den Ausführungen bietet hier einen guten Anhaltspunkt – insbesondere dann, wenn Strukturen oder Prozesse bemängelt werden, die es im Unternehmen überhaupt nicht gibt. Für den Außenstehenden ist aber zunächst alles wahr. Es steht ja im Internet, nicht wahr? Dass die Wahrheit für jeden Arbeitstätigen etwas höchst Subjektives ist, will ich bei dieser Betrachtung mal ganz außen vor lassen. Ich spreche nur von reinen Fantasiegebilden, um nicht den Ausdruck von der bewussten Lüge in den Mund zu nehmen.

Kununu hat es sehr geschickt geschafft, Druck auf die Unternehmen aufzubauen. Reiner Altruismus, um die Arbeitswelt besser zu machen? Mitnichten. Neben der Möglichkeit, auf Anfeindungen und Kritik zu reagieren, bieten die Österreicher Unternehmen auch die Möglichkeit, sich gegenüber der Außenwelt aus ihrer Sicht zu präsentieren. Kostenpunkt 395 € – für ein Logo und eine Kurzbeschreibung. Wenn man weniger als 200 Mitarbeiter hat. Bei über 5000 Mitarbeitern kostet das dann schon mal 1095 €. Pro Monat. Um der Fairness die Ehre zu geben: Natürlich bekommt man mehr als nur ein Logo und ein Unternehmensprofil für das Geld. Aber wenn man nicht mehr möchte – ein kleineres Paket gibt es nicht.

Aufruf zum Handeln

Um zu einer repräsentativen Bewertungsmenge („kritische Masse“, was hier bisweilen durchaus wörtlich zu verstehen ist ;-)) zu gelangen, muss ein Unternehmen gar nicht viel tun: Automatisch bekommt man die, wenn man groß genug ist und/oder die Mitarbeiter schlecht genug behandelt. Gutes Personalmarketing allerdings kennt noch ein weiteren Weg: Die Mitarbeiter aktiv zur Teilhabe auffordern und den Social Media Gedanken leben. Das ist ein Zeichen von Stärke für jedes Unternehmen.

Unternehmen, die sich vor kununu ängstigen, haben ein tiefer gehendes Problem als ihre Außenwahrnehmung. Social Media bedeutet auch, sich den dunklen Seiten zu stellen, sie offen zu diskutieren und womöglich gemeinsam zu verändern. Auch wenn das was kostet.

Mit beste Grüßen
Ihr/ Euer
Martin/ Reti

 
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Verfasst von - 17. Oktober 2013 in Social Media

 

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