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Social Media: Unpersonifizierte Unhöflichkeit

07 Nov

Verfall, wohin das Auge blickt

O tempora, o mores – sagten schon die alten Römer. Und unsere Altvorderen. Jetzt sind wir dran. Die Sitten verfallen und wir stehen vor den Trümmern der zerbröselnden römischen Herrlichkeit. Äh, der mitteleuropäischen, versteht sich. Oder sagen wir der Einfachheit halber: der US-amerikanischen.

Immer wieder erblicken Untersuchungen das Tageslicht, die untermauern, dass das Zeitalter des Sittenverfalls volle Fahrt aufgenommen hat. Kürzlich haben offenbar die Marktforscher von Insights West eine solche Studie angefertigt. Das behauptet zumindest pressetext.com unter der Überschrift: Nutzung von Social Media macht unhöflich.

Leider, leider wird nicht klar, wer denn befragt wurde und wie die Ergebnisse im Detail aussehen. Aber „80 Prozent der Befragten machen Social Media und neue Technologien für das wachsende unzivilisierte Verhalten verantwortlich“. Die Menschheit gefangen in einer Abwärtsspirale der Degeneration. Deevolution durch Technik sozusagen. Auf dieser Ebene der Diskussion hat das alles noch einen augenzwinkernden Touch.

Richtig nach Luft schnappen musste ich erst am Dienstag, als ich auf t3n las, dass Smartphones uns zu schlechteren Menschen machen. Christine Rosen schildert darin einige haarsträubende Episoden, die doch sehr nachdenklich machen. Natürlich passiert das alles nur in den USA und bei uns ist sowas definitiv nicht denkbar. Andere Kultur und so. Wozu so ein großer Ozean gut ist …

Spielen wir „böse Technik, gute Technik“?

Nichtsdestoweniger will ich nur ungern auf Basis von Einzelfällen ein Urteil darüber fällen, ob uns die modernen, mobil vernetzten Zeiten mit Smartphones und Social Media auf der nach unten offenen Skala des Sozialverhaltens einen (weiteren) Absatz zurückwerfen. Wer sucht, wird sicherlich genauso viele Geschichten finden, in denen soziale Medien einen „sozialen Nutzen“ erbracht haben und in denen Smartphones (mit oder soziale Komponente) Leben gerettet haben.

Vielleicht ist ja doch was dran, dass die Depersonalisierung der Kommunikation unsere „dunkle Seite der Macht“ zum Vorschein bringt. Wie anders könnte man Falk Hedemanns Aufruf verstehen, das Netz wieder sozial zu machen. Wer nicht versteht, was das soll, möge bitte einmal einen Blick auf Youtube werfen, wo die Diskussionskultur – vielleicht auch wegen der vorherrschenden emotionalisierenden Inhalte – schon längst auf ein bedenkliches Niveau gesunken ist.

Ich weigere mich aber entschieden, Social Media dafür verantwortlich zu machen. Genauso wenig, wie ich den Träumern und Technikverliebten das Wort reden möchte, dass durch das Internet und seine Kinder alles gut und schön wird. Die sozialen Medien sind nur Plattformen, die Gedankengut transportieren. Gutes genauso wie Schlechtes und überwiegend Belangloses. Sie erzeugen kein Gedankengut. Sie sind Mittel zum Zweck.

„Homo homini lupus“

Der Mensch ist des Menschen Wolf, formulierte schon der Komödiendichter Plautus. Thomas Hobbes verhalf dem Zitat zu Berühmtheit. Es sind die Menschen, die an den Bildschirmen und den Touchscreens hocken, stehen, laufen und ihr Leben in die virtuelle Dimension verlagern. Wir sind die willigen Nutzer der orts- und zeitunabhängigen Kommunikation, niemand zwingt uns. Wir beleidigen, wen wir wollen, wir verteidigen Standpunkte und Ideologien, wir suchen nach den Fehlern in den Gedankengebäuden der anderen. Und unser Auftreten wird vor allem dort unansehnlich, wo wir die Menschen nicht kennen. Genau wie Plautus schreibt: „Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, nicht ein Mensch, wenn man sich nicht kennt.“  Wir entscheiden, wir drücken die Knöpfe. Hierfür dürfen wir (ausnahmsweise) nicht die Rechenzentren oder die Geschäftsführung von Facebook verantwortlich machen. 

Der da war’s

Ja, vielleicht ist das sogar die wahre Crux dieser Diskussion: dass wir nicht mehr bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und versuchen, einen anderen Schuldigen zu finden. Während sich Unternehmen immer mehr Gedanken darüber machen, was denn Corporate Citizenship sein soll und über Corporate Social Responsibility nachdenken, versinken wir in der Welt unserer virtuellen Kokons und beschränken uns darauf, das Leben zu dokumentieren: documento, ergo sum (das ist natürlich kein richtiges Latein, aber das musste jetzt sein ;-))

Wir nehmen die Welt durch den Filter unserer kleinen und großen Bildschirme wahr. Besser wäre es sie wirklich zu erleben und mit Händen, Haut und Haaren an ihr teilzunehmen. Und zu tun, was wichtig und richtig ist. Nicht nur für uns, sondern auch für andere.

Mit nachdenklichen Grüßen
Ihr/ Euer
Martin/ Reti

 
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Verfasst von - 7. November 2013 in Social Media

 

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