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Meine Cloud ist tot

14 Aug

„Mein Auto ist gestorben, es springt mich nicht mehr an. Obwohl ich schon geflucht hab, so laut wie ich nur kann …“ – ich kann es nicht besser ausdrücken als Fredl Fesl, der große Poet an der Gitarre. Ja gut, das war vor 30 Jahren, als das Auto im Graben lag und nicht mehr tat. Heute – Zeichen des digitalen Wandels – gibt es das natürlich nicht mehr. Oder besser gesagt: Wir haben Alternativen gefunden im Internet. Die menschlichen Reaktionen bleiben aber dieselben. Beruhigend zu sehen, dass sich manches – trotz dynamischerer Welt – nicht verändert.

Am Montag sollte unser lange vorbereiteter Blogpost bei der divia erscheinen: 60 Sekunden im Internet – mit eigener Infografik auf Basis umfangreicher eigener Recherchen. Steckte viel Arbeit drin und wir haben uns schon gefreut auf die Publikation. Aber dann war unser Web-Auftritt übers Wochenende verstorben. Die üblichen Prozesse liefen an.

Machen Sie mit mir also eine Zeitreise zurück zum 11. August. Anfrage an den Dienstleister: „Was ist da los?“ „Weiß ich nicht. Ah, siehe da, zwei Festplatten sind kaputt. Aller Voraussicht nach läuft das heute Mittag wieder. Dann spielen wir die Backups vom 3. August ein“. 3. August? Zum Glück haben wir den Post etwas langfristiger geplant. „Na prima, dann können wir ja heute noch publizieren“. Aber es kommt (natürlich), wie es kommen musste: Am Dienstag dasselbe Spiel, am Mittwoch … Mittlerweile ist Donnerstag – täglich grüßt das Murmeltier. Meine Homepage ist gestorben …*

Das Zeitalter der Cloud

Und das in einem Zeitalter, da sich alle IT-Dienstleister mit dem Label „Cloud“ schmücken. Jetzt habe ich wieder mal eine eigene Erfahrung „mit der Cloud“ gemacht – unersetzlich. Besser als alle theoretischen Diskussionen über dreifache Spiegelungen in verschiedenen redundant ausgelegten Rechenzentren in verschiedenen Zeitzonen, Ressourcenpools, adaptive Kapazitätsanpassung.

Natürlich schmücken sich viele Web-Anbieter mit einem Cloud-Label. Aber – und das ist der wichtige Merksatz heute – „aus der Cloud“ bedeutet noch lange nicht „auf Basis von Cloud (Computing Technologie) produziert“. Nur weil ein Dienst im Internet (der „Cloud“) verfügbar ist, bedeutet das noch lange nicht, dass er technisch so konzipiert ist, dass er auch in jedem Fall funktioniert (und wir sprechen hier nicht von unerwarteten Lastspitzen, sondern nur von der Aufrechterhaltung des Betriebs einer einfachen Webseite bzw. deren Wiederherstellung). Oder anders gesagt: Eine Reduktion der Definition von Cloud Computing auf „network accessed“ trägt halt nicht. Ein zentrales Versprechen der Cloud-Befürworter war schon immer, dass keine Daten verloren gehen, weil das Internet ja nichts vergisst – um es zugespitzt zu formulieren …

Funktionstüchtigkeit ist aber die Erwartungshaltung von Nutzern an Webdienste. Eindrücklicher kann sich der Unterschied zwischen Cloud-gewaschenen Angeboten mit Sprachspielerei und der realen Abbildung von Cloudkonzepten kaum zeigen.

Leben mit Ausfällen der Cloud

Outages, Ausfälle bei Cloud-Anbietern, sind nicht ungewöhnlich. Nicht selten, aber auch nicht gerade an der Tagesordnung. Vielleicht sind wir deswegen so verwöhnt und fühlen uns beruhigt über Verfügbarkeiten von 99,9 Prozent. 2013 trugen sich auch Namen wie Amazon, Google, Microsoft in die Hitliste der Cloud-Ausfälle ein. Meist zog sich so was über Stunden oder Minuten hin. („Die Googlesuche war fünf Minuten nicht verfügbar …“) Am beeindruckendsten war der Ausfall von Verizon Terremark, der Obamas healthcare.gov ins Nirwana zog. Und dafür sorgte, dass HP sich künftig um die Infrastruktur für die Seite kümmern wird.

Nun, die Hoffnung stirbt zuletzt. Vielleicht gelingt es den Experten ja noch, unsere Seite wiederzubeleben oder die dann knapp einen Monat alten Backups aufzutreiben. Und wir berichten nicht über eine Sekunde im Internet, sondern über Wochen, an denen wir nicht am Internetleben teilgenommen haben.

Ich sollte nicht unfair sein: Die Webseite tut heute Morgen wieder. Allerdings stammt der aktuellste Post im Blogverzeichnis vom Januar. Und der Blog kennt mich nicht mehr. Und der Dienstleister teilt mit, dass alle unsere Inhalte seit Launch der Seite (Februar) wahrscheinlich unwiderruflich verloren sind. Wenn ich überlege, wie viel Zeit darin gesteckt hat … Einmal mehr zeigt sich, dass man den Schadensfall als Dienstleister planen sollte. Und dass Diskussionen über Verfügbarkeit, Disaster Recovery keine verschwendete Zeit sind – auch in Zeiten der Cloud.

Und – Danke, WordPress.com. Es hat seine Vorteile, keine eigene Domäne und keine eigene Installation zu haben.

 

Epilog

Zwei gestresst wirkende „Zwei“-Techniker betreten ein riesiges Archiv in einem Keller. Ort unbekannt. Sicherheit – sie verstehen.  „Wo sind denn die Backups abgeblieben? Schnell!“ Der Orang-Utan schwingt sich elegant mit gespitztem Mund um die Ecke. „Ugg“. Er deutet auf einen Stapel verschiedener Speichermedien in der Ecke. In der Tradition eines Wimmelbildes weist er auf einen Turm babylonischen Ausmaßes – USB-Sticks, Flashspeicher, Festplatten, ja sogar klassische Musik-Kassetten. Aus einigen Kassetten hängen die Magnetbänder, die sich großzügig im Wirrwarr verlieren … und wenn sie nicht gestorben sind, dann suchen sie noch heute …

Nachtrag 2

was sonst so geschah, während unsere Seite im Sterben lag. Ich wage gar nicht nachzurechnen, wie der Webverkehr durch unseren Seitenausfall eingebrochen ist😉

infografik_2014_2

60 Sekunden im Internet

 
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Verfasst von - 14. August 2014 in Cloud Computing

 

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